Willkommen
Das Projekt
Der Preis
Buchdiskussionen
Rezensionen
Bilderbücher
Kinderbücher
Jugendbücher
Bücher für Junge Erwachsene
Hörbücher
DVDs
Aktuelles
Diverses
Links
Impressum
Kontakt
English Introduction
English Introduction

Click here and read more about
the Book Discussions with Mirjam Morad and
the Jury of Young Readers!

more
portal by eyepin.com
Bücher für Junge Erwachsene


Vater wider Willen

Pierre Chazal

So etwas wie Familie

Originaltitel: Marcus

Aus dem Französischen von Wolfgang Gösweiner

Deuticke Verlag 2015, 234 Seiten

ISBN 978-3-552-06297-9

 

 

In diesem Buch geht es um Pierre, der den Sohn einer verstorbenen Freundin bei sich aufnimmt. Marcus ist, trotz all der Erfahrungen, die er machen musste, ein aufgewecktes und fröhliches Kind. Er fühlt sich bei Pierre sehr wohl, vor allem als auch noch Fabienne bei den beiden einzieht. Doch nachdem Pierre mit seinem Vater in Streit geraten ist und dieser vom Balkon stürzt, sitzt Pierre im Gefängnis und wartet auf das Gerichtsverfahren. Dort beginnt er die Geschichte seiner kleinen, ungewöhnlichen Familie aufzuschreiben.

 

Der Hintergrund des Covers ist schwarz und zeigt einen Mann, der ein Kind hochhält. Beide stecken in Jeans. Das Bild ist abgeschnitten, sodass man die Köpfe der beiden nicht sieht. Meiner Meinung nach ist das Cover sehr gelungen, weil es gut zu der Geschichte passt und außerdem ungewöhnlich ist, sodass es einem auffällt.

 

Anfangs hat mich dieses Buch nicht wirklich gepackt. Ich musste mich erst an den Schreibstil gewöhnen und fand, dass die Geschichte stellenweise deprimierend ist. Doch nach und nach bin ich immer mehr in die Geschichte hineingekippt. Besonders gefallen hat mir der nüchterne Erzählstil, der die Geschichte ehrlich und echt wirken lässt.  Man kann sich auch in alle Figuren gut hineinfühlen, weil ihr Charakter ausführlich beschrieben ist. Der Autor erzählt von einer ungewöhnlichen Familienzusammenstellung, von der niemand glauben würde, dass sie funktioniert könnte. Das Buch zeigt, dass das Leben nicht immer so kommt wie man denkt und dass man sich davon bloß nicht unterkriegen lassen soll! Empfehlenswert!

 

Sarah Rabong

 

 

 


Der charismatische Zimmermann

David Safier

Jesus liebt mich

Rowohlt 2008, 299 Seiten

ISBN 978-3-499-24811-5

 

In Maries Leben sieht es nicht gerade rosig aus. Sie ist 34, hat keine Kinder und hat ihren Ehemann vor dem Altar stehen lassen, weil er nicht der Richtige war. Noch dazu hat ihr Vater ein aktiveres Sexleben als sie. Dann lernt sie den charismatischen Zimmermann Joshua kennen. Er schaut gut aus, ist freundlich, doch ist sie sich nicht ganz sicher, ob er ganz richtig im Kopf ist. Trotz seiner seltsam anmutenden Allüren fühlt sie sich zu ihm hingezogen. Doch dann behauptet er, dass er Jesus sei. Zuerst kann Marie ihm nicht glauben, aber nach und nach ist sie sich da nicht mehr so sicher. Die Frage ist nur warum er wieder auf der Erde wandelt. Der Grund ist einfach: Das Jüngste Gericht ist gekommen.

 

Das Cover ist hauptsächlich in Gelb gehalten. Man sieht einen Jesus, der mit einem Kübel voll roter Farbe von einer Wand weggeht. Er ist gezeichnet wie eine Comicfigur in einem Comicstrip.

 

„Jesus liebt mich“ hat mir wirklich sehr gut gefallen. Ich habe fast durchgehend gelacht. David Safier hat wirklich eine sehr eigene Art von Humor, sehr fein, trotzdem aber offensichtlich, so, dass man ihn bemerkt. Doch trotz der sehr lustigen Dialoge und skurrilen Ereignisse steckt auch etwas zum Nachdenken darin. Hier geht es um die Religion an sich und an den Glauben. Wie man sich laut der Bibel verhalten soll und, die Frage aller Fragen, warum Gott Sachen wie Tumore erschaffen hat. Ein Muss für alle, die gerne Lachen, sich aber auch Gedanken zu manchen Themen machen.

 

Gregor Schindler

 

Die Dunkelkammer des Don Elmirio Nibal y Milcar

Amélie Nothomb
Blaubart

Aus dem Französischen von Brigitte Große

Diogenes 2014, 143 Seiten

ISBN 978-3-257-06894-8
 

Die junge, hübsche Belgierin, Saturnine unterrichtet in Paris an der École du Louvre und schläft auf dem Sofa ihrer Freundin Corinne. Auf der Suche nach einer Wohnung findet sie ein verlockendes Angebot; für nur 500 Euro in einem Pariser Stadtpalais eines spanischen Adeligen. Luxuriös und komfortabel. Eine einzige ausgesprochene Warnung betrifft das Verbot des Betretens der Dunkelkammer, was sie jedoch wenig berührt, und auch die Tatsache, dass acht vorherige Untermieterinnen spurlos verschwunden sind, ficht Saturnine nicht an – sie nimmt die Herausforderung an.

 

In den meisterhaften Dialogen beim gemeinsamen Dîner, das der Hausherr höchstpersönlich und delikat zuzubereiten weiß, nehmen die prachtvollen Charaktere Gestalt an. Beim verbalen Schlagabtausch der geistreichen Gespräche, die an sich schon überaus amüsant zu lesen sind und beglücken, kann man sich auch dem Genuss der Speisen und Getränke, mit Vergnügen hingeben.

 

Don Elmirio NIbal y Milcar versteht sich nicht nur auf die Zubereitung der köstlichsten Speisen, er kreiert auch für jede der Frauen ein exquisites Kleidungsstück „für Körper und Seele“, bei dem die Farbe eine große Rolle spielt, und das anzuziehen höchste Lust und Wohlbefinden bereitet. Es ist dies ein, die Sinne ansprechendes Buch.

 

Amélie Nothombs Neuinterpretation des Perraultschen Märchens La Barbe Bleu  hat es in sich. Wird Saturnine das neunte Opfer dieses eigenartigen Blaubarts werden? Und warum ist sie für ihn die neunte und letzte Frau? Trotz ihrer  Wachsamkeit kann sie sich der Faszination, die von ihm ausgeht, nicht entziehen. Beide sind von einander angezogen. Wird sie überleben?

 

Jedes Wort sitzt, keines ist zu viel. In diesen 143 Seiten steckt mehr als in so manchem Schmöker, in dem alles ausgewalzt und vorgekaut ist. Hierbei kaut man selbst mit und hat eine lange Verdauungszeit. Und weil das alles so köstlich gemundet hat, beginnt man am besten gleich nochmals von vorne – und wird wieder beglückt feststellen, dass die Lektüre so gut schmeckt wie beim ersten Mal. Ein Buch zum Immer-Wieder-Lesen, -Entdecken und -Geniessen.

 

Enigmatisch, makaber, infernalisch – und höchst unterhaltsam Und das auf geistreichem Niveau - prickelnd wie der Champagner, der in Mengen fließt - und spannend bis zum letzten Satz.

Einfach genial, von der Idee bis zum unerwarteten und unvorhersehbarem Ende. Auch die Übersetzung ist so authentisch und frisch zu lesen wie das Original.

Ein absolutes Muss, nicht nur für Amélie Nothomb Fans.

 

mimo

  

 

 




Neuland - Heimat für Flüchtende und Suchende

Eshkol Nevo

Neuland

Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer

dtv 2013, 640 Seiten

ISBN 978-3-423-28022-8

 

 

Dori steht mit beiden Beinen fest im Leben: Er hat eine Frau und einen Sohn, den er abgöttisch liebt, und auch seinen Beruf als Geschichtelehrer übt er gerne aus. Als seine Mutter stirbt, gerät Doris Vater in eine Krise und begibt sich auf eine Art Selbstfindungsreise nach Südamerika. Nach einigen Monaten beginnt sich die Familie Sorgen zu machen, da er sich nicht mehr meldet, und Dori beschließt, ihm nachzureisen um ihn ausfindig zu machen. Durch die Distanz zur Heimat fängt nun auch Dori an, sein Leben zu überdenken.

Inbar ist temperamentvoll und handelt impulsiv: Als sie von einem Besuch in Berlin wieder zurückfliegen soll, überlegt sie sich im letzten Moment doch anders. Zuhause wartet auf sie nur ein Job den sie eigentlich kündigen will und auch mit ihrem Partner ist sie sich nicht sicher. So beschließt sie einfach ins nächste Flugzeug zu steigen, welches, wie der Zufall es so will, nach Peru fliegt.

Beide begeben sich so auf eine Art Selbstfindungsreise, und in der Buchmitte treffen sie aufeinander, aber auch wenn schon aus dem Prolog klar ist, dass die beiden sich in einander verlieben werden, so ist die Sache dann doch komplizierter, denn beide haben Schwierigkeiten sich aufeinander einzulassen.

 

Eshkol Nevo ist mit Neuland ein Meisterwerk gelungen. Er gibt Einblick in das Seelenleben seiner Figuren, der manchmal schon fast erschreckend ist. Seine Figuren sind echt, so menschlich und lebendig.

Sehr geschickt werden hier viele verschiedene Themen miteinander verknüpft, wie Selbstfindung und die Beziehung zu Mitmenschen, Schwierigkeiten mit der Familie, die sich über Generationen erstrecken und wie historische Ereignisse noch heute die eigene Identität prägen.

 

Der Autor verwendet viele interessante Stilmittel. Am augenscheinlichsten ist wohl die Entscheidung, keine Anführungszeichen bei direkten Reden zu verwenden, dadurch entsteht der Eindruck, dass Gedachtes und Gesprochenes miteinander verschmelzen, und alles wirkt etwas traumartig. Außerdem gibt es sehr viele Perspektivenwechsel, nicht nur zwischen den beiden Hauptfiguren, sondern auch zwischen vielen verschiedenen Nebenfiguren, vor allem Inbars Großmutter, die sich daran erinnert, wie sie zur Zeit des 2. Weltkrieges nach Israel auswanderte. Schnell wird dem Leser klar, wie dicht alle Figuren miteinander verwoben sind und wie minutiös der Autor sich ihre Beziehungen wohl überlegt haben muss. In dieser Verschlungenheit hat nämlich jedes noch so unwichtig wirkende Detail seinen Sinn und Platz, sehr oft wird auf spätere Ereignisse vorgegriffen, was beim ersten Lesen auch sehr ermüdend sein kann.

Auf jeden Fall ein hochinteressantes, meisterhaft erzähltes Buch, für das man sich durchaus Zeit lassen sollte, und das auch beim zweiten Lesen viel Freude bereitet.

 

Paola Garcia Sobreira



Lorenzos Wandlung

Fabio Volo

Zeit für mich und Zeit für dich

Aus dem Italienischen von Peter Klöss

Diogenes 2013, 260 Seiten

 

Lorenzo hatte es im Leben nicht leicht: als Kind musste er unter finanziellen Einschränkungen und der Gefühlskälte seines Vaters leiden, während ihm später in der Arbeitswelt stets die eigene Unsicherheit in die Quere kam. Und dann, endlich an dem Punkt angekommen, von dem er dachte, er hätte es geschafft, es könne ihn nichts mehr erschüttern, erhält er gleich zwei Hiobsbotschaften: seine Freundin verlässt ihn und der Vater muss ins Krankenhaus.

 

Durch Rückblenden und ausgedehnte Einblicke in die Gedankengänge seines Protagonisten lässt Fabio Volo seine Leser mit-leiden, und -lachen, und es kommt mehr als einmal vor, dass man laut rufen möchte: „Ja, genauso ist es!“

 

Insgesamt wirkt „Zeit für mich und Zeit für dich“ melancholischer, vielleicht auch einen Tick langatmiger als zuvor die unbeschwerte Romanze „Noch ein Tag und eine Nacht“ – nichts desto trotz sind die Eindrücke und Schilderungen so intim und treffend, dass es einem stellenweise das Herz bricht.

 

Lea Kern

 



Flucht in die virtuelle Welt des Cyberspiels

Burkhard Spinnen

Nevena

Schöffling & Co 2012, 384 Seiten

ISBN 978-3-89561-044-8

Ab 16 Jahren

 

Nach dem Verlust seiner Frau leben Henner und sein 17jähriger Sohn Patrick nebeneinander her wie in einer WG. Durch die jahrelange Pflege der Mutter hatte alles Funktion, jetzt sucht der Vater die Nähe zu Patrick, doch der verliert sich mehr und mehr im Computer Rollenspiel. Realität und Virtualität vermischen sich für ihn. Als Zornelfe Pocahonta ist er meist unterwegs mit Mr. Smith, dem Barbaren, eine ebenfalls 17jährige Spielerin, Nevena. Zum Chatten trifft er sich auch außerhalb des Spiels und schließlich verliebt er sich in sie. Als diese plötzlich verschwindet, verliert er den Boden unter den Füßen. Der verzweifelte Vater, der die virtuelle Welt seines Sohnes hasst, bietet ihm an, sich gemeinsam auf die Suche nach Nevena, von der sie nur den Vornamen und eine vage Verbindung zu Jugoslawien wissen, zu begeben. Im alten Wohnmobil der Mutter reisen die beiden ins ehemalige Jugoslawien.

 

Die Vater-Sohngeschichte und der klassische Roadtrip werden angereichert durch die Schilderung des ehemaligen Jugoslawien, wobei es sich zum Glück nicht um Kriegs- und Tatsachenberichte handelt, sondern vielmehr um die Folgen und Auswirkungen auf das jetzige Leben der Menschen. Es ist sehr interessant über ihre Schicksale, ihre Resignation und ihren Überlebenswillen zu lesen, da wir teilweise in der Schule nichts davon erfahren haben.

Die Reise auf der Suche nach Nevena wird zu einer zu sich selbst und zueinander. Angenehm war auch, dass der Autor das Onlinespiel nicht verteufelt, die Spielszenen sind sogar sehr schön beschrieben. Geldmäßig ist nicht immer klar, wie die beiden zurechtkommen und Nevena, die Person, die die Handlung ins Rennen bringt, ist auch nicht unbedingt sympatisch.

 

Das minimalistische Cover auf hellem Hintergrund zeigt einen Kugelschreiber mit der Aufschrift „Sarajewo“. Darüber ist der Name des Autors und Nevena im gleichen Abstand plaziert, was verwirrend ist, wenn man den Namen des Autors nicht kennt - darunter der Name des Verlags.

 

„Nevena“ ist die berührende Erzählung einer Vater-Sohnbeziehung, die erst auf der Suche nach einer Internetbekanntschaft neu entsteht. Sie ist einfühlsam, interessant und spannend geschrieben und lässt dem Leser genügend Raum, sich selbst ein Bild dazu zu machen. Dieses Buch, hat uns im Herbst 2012 am besten gefallen.

 

A.P.A.J.                                                                 



Politischer Hickhack im Gemeinderat

K.J. Rowling
Ein plötzlicher Todesfall
O-T..: The Casual Vacancy
Aus dem Englischen von
Carlsen 2012, 576 Seiten
ISBN 978-3-551-58888-3

Als Barry Fairbrother plötzlich stirbt, sind die Einwohner von Pagford geschockt. Der friedlichen und verträumten, englischen Kleinstadt mit ihrem hübschen Marktplatz und der alten Kirche scheint Aufregung fremd zu sein. Doch der Schein trügt. Die Wahl für den Sitz im Gemeinderat schafft einen Nährboden voller Leidenschaft, Doppelzüngigkeit und unerwarteter Offenbarungen. Jeder steht mit jedem im Krieg und hat einen im Nachen, der ihn terrorisiert.

Die Figuren werden gleich auf den ersten Seiten abgehandelt, sind plump charakterisierrt, wie auch das Buch voller Klisches und Vorurteile steckt. Auch die Handlung kommt nicht richtig in Fluß. Es gibt einen zentralen Konflikt und alles andere gruppiert sich drum herum. Schade, dass der Kinflikt nicht so präsentiert wird, dann man beide Seiten zu sehen bekommt. Leider war ich nie so neugierig, so dass ich weiterlesen wollte. Die Lektüre war anstrengend, depremierend und hat mich runtergezogen, Als Leser ist man in den Situationen gefangen. Von den 15 wichtigen Personen sind fünf halbwegs sympatisch und der Rest sind Monsters. Alle sind unglücklich, es geht nichts weiter.
Leider wird nicht aufgeklärt, was mit dem Viertel passiert, um das es in dem Buch geht und die Figuren interagieren sehr wenig miteinander. Das Ende ist nicht sehr zufriedenstellend, obwohl sich einiges zum Besseren wendet.

Die Autorin hat schon im Harry Potter gezeigt, dass sie Kleinstadtmenschen und Kleinstadtmentalität hasst. Gestört haben mich auch die, in Klammern gesetzten Absätze, die bis zu einer Seite beiinhalten können. Beser wäre gewesen das im Raum stehen zu lassen, denn so wird dem Leser die Möglichkeit genommen, sich selbst Gedanken machen, den Text analysieren und interpretieren zu können.

Für eine J.K.Rowlingstudie ist "Ein plötzlicher Todesfall" sicher interessant, aber empfehlen kann ich das Buch nicht.

Paola Garcia Sobreira
 


Wer getragen wird, braucht keine Schuhe

Carolina Schutti
Wer getragen wird, braucht keine Schuhe
Otto Müller Verlag 2010
ISBN: 978-3-7013-1178-1

Anna, eine junge Frau, 18 Jahre, durchstreift die Stadt, in der sie alleine lebt. Sie lernt Harald kennen, der älter ist als sie, was sie aber nicht sört. Er verändert etwas in ihr und zum ersten Mal ist sie seit langem wieder glücklich. Beide fahren für ein Wochenende ins Gebirge, wo sie bei einer Wanderung von der Dunkelheit überrascht werden. Sie übernachten in einer Kapell und Anna vertraut sich Harald an - unter den Figuren der Heiligen.

Carolina Schuttis' Debütroman besticht nicht durch seine außergewöhnliche Dicke oder die übersprudelnde Handlung. Er besticht durch die Klarheit und Einfachheit, und durch die zarten Schilderungen einer jungen Frau. Jedes Wort scheint sorgfältig gewählt zu sein und fügt sich harmonisch ins Gesamtbild ein. Die Geschichte fließt wie ien klarer Gebirgsbach. Und doch besitzt sie eine gewisse Tiefe. Die Atmosphäre, die Schutti kreiert, bleibt haften und umfängt einen. Einsamkeit, Glück, Schuld. Mit großem Gefühl beschreibt die Autorin, was in einer jungen, verletzlichen Frau vorgeht, die einen schweren Schicksalsschlag mitmachen musste. Schnell sind die 117 Seiten gelesen, lange wirken sie nach.

Kathrin Chiu



Gott Camorras geflügelter Bote

Simonetta Poggiali
Der Götterbote. Eine Geschichte aus Neapel
Aus dem Italienischen von Ulrich Hartmann
Albrecht Knaus Verlag 2010
ISBN: 978-3-8135-0360-9
 
Das Buch mit dem anmutigen Cover und dem geheimnisvollen Titel entpuppt sich beim Lesen als wahres kleines Meister-Sprach-Feuerwerk.
Packend und doch voll Leichtigkeit beschreibt die Autorin das Leben des 16-jährigen Luigi in Neapel, eine Stadt im modernen Italien und dennoch mit unzeitgemäßem Lebenstil, geprägt durch die Mafia.
Simonetta Poggiali fängt den Leser ein, bringt ihn nahe an Luigi und das Geschehen, die Atmosphäre heran. Das Buch ist zum Nachdenken und Weinen.
Ich habe das Lesen genossen.

Lea Kern
 


Frida Kahlo

Maren Gottschalk
Die Farben meiner Seele
Die Lebensgeschichte der FRIDA KAHLO
Beltz & Gelberg
ISBN. 978-3-407-81060-1

Frida Kahlos Leben schreit geradzu danach, niedergeschrieben zu werden - sie war eine faszinierende Frau und eine große Künstlerin. Maren Gottschalk hat den Schrei erhört, und ihn bravourös in eine spannende, eindringliche Biographie verwandelt.
Sie erzählt von Frida Kahlos Leben mit großer Nähe, was nicht nur mit der großen Menge an Informationen über die Malerin, die dieses Buch beinhalten, zu tun hat. Nein, Gottschalk nimmt uns mit auf Fridas Reise, Seite an Seite erleben wir mit ihr Mexiko, New York, und all die anderen Städte, die diese großartige Frau bereist, wir fühlen ihren Schmerz und ihre Freude gleichermaßen, die "unmögliche" Liebesbezieung mit Diego Rivera lässt uns im Glück taumeln und einen Moment später in tiefste Abründe stürzen.
Dieses Buch ist bunt. Auch das Cover sprüht vor Farben, einzig der Titel wirkt etwas deplatziert und ncht ganz stimmig: "meiner" Seele wirderspricht der dritten Person, aus deren Sicht die Biographie erzählt wird.
Sehr lesenswert!

Lea Kern




Eine Katze mit Charakter und großem Herzen

Helen Brown
Cleo. Wie ich das Lachen wieder lernte
Aus dem Englischen von Andreas Stumpf
Deuticke Verlag 2010
ISBN 978-3-552-06136-1


Bei einem tragischen Unglück verliert Helen Brown ihren neun Jahre alten Sohn, Sam, kurz nach seinem Geburstag. Sie, ihr Mann und ihr zweiter Sohn Rob bleiben in Trauer und Verzweiflung zurück. Einige Wochen nach dem Tod bekommt die Familie Zuwachs: Sams Geburtstagsgeschenk, eine kleine, eher hässliche und weitgehend haarlose Katze. Eigentlich will die Familie, die am Rand von Neuseelands Hauptstadt lebt, diese Katze nicht. Sie sind immerhin Hundemenschen, haben ihre Rata, einen gutmütigen Hund, und der mag doch sicherlich keine Katzen. Doch Cleo, so tauft Rob das Kätzchen, erobert die Herzen der ganzen Familie und hilft ihnen zurück ins Leben.

Es ist wohl eines der herzlichsten  und liebevollsten Katzenbücher, die jemals geschrieben worden sind. Doch nicht nur die Katze steht im Mittelpunkt, die gesamte Familie und die zwischenmenschlichen Beziehungen im Leben von Helen werden gut charakterisiert. Wie geht eine Familie mit dem Verlust des geliebten Sohnes um?
Cleo, die Katze, hat ungemein viel Charakter. Selbst überzeugte Hundemenschen müssen einsehen, dass Katzen liebeswert sein können. Denn Cleo hat ein Herz, groß wie ein Ozean, und das vermittelt uns Helen Brown. Das Buch soll Mut machen, einen zum Lächeln bringen, und das hat es geschafft. Die Sprache und der Witz unterstreichen dies noch. Man lebt mit der Familie mit, man lacht und man weint. Cleo basiert auf einer wahren Geschichte, nämlich der der Autorin selbst.
Ein wunderschönes Buch, das einen in seinen Bann zieht.

Kathrin Chiu



"Ich bin nicht ernst und ich nehme nichts ernst"

  Jean-Louis Fournier,
  Wo fahren wir hin, Papa?
  Aus dem Französischen von Natalie Mälzer-Semlinger
  Deutscher Taschenbuch Verlag 2009
  156 Seiten, € 14,30
  ISBN: 978-3-423-244745-0


"Lieber Mathieu,
Lieber Thomas,
als ihr noch klein ward, hatte ich machmal Lust, euch zu Werihnachten ein Buch zu schenken, Tim und Struppi zum Beispiel Dann hätten wir uns darüber unterhalten können. Tim und Struppi kenne ich nämlich gut, ich habe alle Bände mehrmals gelesen.
Aber ich habe es sein lassen, was hätte es auch gebracht, ihr konntet ja nicht lesen. Ihr werdet nie lesen können. Eure Weihnachtsgeschenke werden bis zum Schluss Holzklötzchen und Spielzeugautos sein...
Jetzt, da Mathiieu fortgegangen ist, um seinen Ball dort zu suchen, wo wir ihm nicht mehr helfen können, jetzt, da Thomas noch auf der Erde ist, aber mit seinem Kopf  schon fast ganz in den Wolken, will ich euch doch noch ein Buch schenken. Eins, das ich für euch geschrieben habe. Damit man euch nicht vergissst, damit ihr nicht bloß ein Foto auf einem Schwerbehindertenausweis seid. Damit ich mir alles Ungesagte von der Seele schreiben kann, vielleicht auch meine Schuldgefühle. Ich war kein sonderlich guter Vater. Oft konnte ich euch nicht ertragen. Ja, euch zu lieben, war nicht leicht. Für euch brauchte man eine Engelsgeduld, und ich bin kein Engel.
Damit ich euch sagen kann, wie sehr ich bedaure, dass wir nicht gemeinsam glücklich waren, und vielleicht auch, damit ihr mir verzeiht, dass ihr mir so missraten seid.
Wir hatten uns den Himmel auf Erden für euch gewünscht, und stattdessen ist er euch auf den Kopf gefallen. Das war Pech - für euch wie für uns."
Bitte unbedingt weiterlesen!

Man kann sich diesem Text nicht entziehen, man lacht - und ist schockiert darüber - nur, um nicht weinen zu müssen. Anders kann man's nicht ertragen. Wie beim jiddischen Witz. Wenn die Verzweiflung zu groß ist, braucht sie ein Ventil und Humor ist eines.
Und doch, von allem abgesehen, so anders sind die Buben gar nicht, nur dass sie ihr Stadium nicht wechseln. 156 Seiten, die tief berühren und für immer in einem nachklingen.
Das sehr schlichte, unspektakuläre Cover ist genau richtig. Die Farben sind heiter und stimmen optimistisch.
Ich kann nur jeder und jedem empfehlen dieses Büchlein zu lesen, einmal, zweimal und immer wieder.

mimo


Story wie Eddy sind frisch, neu und originell

  Jakob Arjouni
  Der heilige Eddy
  Diogenes Verlag
  256 Seiten
  ISBN 978-3-257-06685-2
  € 19.50
 

Der Heilige Eddy handelt von dem kleinkrimminellen Musiker Eddy, dessen mehr oder minder geregeltes Leben völlig aus den Bahnen geworfen wird, als durch einen unglücklichen Zufall der momentan meistgehasste Mann seiner Heimatstadt Berlin, Horst König, der einen riesigen Konzern besitzt, in seinem Treppenhaus das Gleichgewicht verliert und an einer Kopfverletzung stirbt. Eddy ist zuerst ratlos, doch dann folgt ein irrwitziger Handlungsstrang dem anderen. Verwicklungen und Verwirrungen machen die Story zu einem amüsanten, temporeichen Abenteuer, und als Eddy dann auch noch aus Gründen, die er selbst nicht ganz versteht, unbedingt Königs schöne Tochter Romy kennenlernen will und ihm das auch gelingt, bekommt die Geschichte auch noch das gewisse Etwas an Romantik.
Und was nun? Wird Eddy seiner Geliebten alles beichten, und seine gerechte Strafe auf sich nehmen, oder schlüpft er weiter in die verschiedensten Rollen, um seinen Status als "Volkshelden" in Berlin nicht aufzugeben? Sicher ist, dass das Ende wohl ein recht offenes bleiben wird, aber auf jeden Fall ein würdiger Abschluss dieses genialen Buches ist.

"In der Kürze liegt die Würze" - auf diesen hübschen kleinen Spruch versteht sich Jakob Arjouni ganz ausgezeichnet. Er hat ein pfiffiges, freches, vor Ideen übersprudelendes Buch geschaffen, das trotzdem nicht übertrieben wirkt. Die richtige Prise Pfeffer, die einem in Form von Lachen ab und zu in die Nase steigt, aber gleichzeitig bietet das Buch auch Stoff zum Nachdenken. Eddy wird sympathisch, aber doch auch so beschrieben, dass man ihn mit der richtigen Menge von Skeptik betrachten kann. Denn er macht die - außergewöhnliche (man könnte es auch verrückt nennen) - Geschichte aus. Und wenn der Hauptcharakter nicht hinhaut, wird es mit dem Rest bekanntlich auch schwierig.
Aber beim heiligen Eddy gibt es, was das betrifft absolut keine Probleme. Story sowie Eddy sind frisch, neu und originell.
Die Beschreibungen sind sehr intelligent und gleichzeitig kreativ - man hat sofort Bilder vor sich, als würde man sich einen kleinen Film ansehen. Die Sätze haben das richtige Spiel zwischen sehr-aber-nicht-zu-lang und knackig-aber-nicht-verwirrend-kurz.
   
Das Cover wirkt zuerst wenig anziehend, allerdings nachdem man das Buch ausgelesen hat, doch ganz passend. Wahrscheinlich erinnert es mich an Romy!?? Aber auch wenn nicht gemeint, vermittelt es gut was einen erwartet: knallige Farben, verschwommene Handlungsstränge wie durch eine Sonnenbrille, Spannung wie bei der Autofahrt in einem Sportwagen.
 
Sehr zu empfehlen!!!!! Der einzige, und auch allereinzige Mangel wäre die Länge. Ich wollte unbedingt noch weiterlesen!!!

Lea Kern



Gut gemacht, Herr Wells!


  Benedict Wells,
  Spinner.
  Diogenes 2009
  384 Seiten, € 20.50
  ISBN 978-3-257-0671-0


Als der 20jährige Jesper Lier von München nach Berlin übersiedelt, erhofft er sich ein aufregendes Leben und eine Karriere als Schriftsteller. Tatsächllich haust er dann in einem Kellerloch am Prenzlauer Berg und sein Roman "Der Leidensgenosse" entwickelt sich zu einem Monstrum. Durch Alkohol, Schlaftabletten und bedrohliche Tagträume versinkt er immer mehr in Einsamkeit, bis seine Freunde Gustav und Frank ihn vor sich selbst retten. Zu dritt erleben sie eine verrückte, rauschende Woche, in der Jesper nicht nur auf das Mädchen seiner Träume trifft, sondern auch seinen eigenen Romanfiguren...

Ein Buch, bei dem alles stimmt: Länge, Geschichte, Charaktere, Witz, der nötige Schuss Ernsthaftigkeit, der einen nachdenken lässt, insbesondere weil es Benedict Wells mühelos gelingt, seinen Hauptdarsteller so real und (wenn auch auf eine verschrobene Weise) sympathisch darzustellen, dass man sich unweigerlich mit ihm anfreundet, oder sich sogar mit ihm identifiziert.
Manche Sätze/Abschnitte/Aussagen des Buches wirken so erwachsen, reif und tiefgründig, als wären sie von jemandem geschrieben, der schon auf ein langes, erlebnisreiches Leben zurückblicken kann, und nicht von einem 19-jährigen. Gleichzeitig ist der Stil jugendlich, neu und originell.

Das Cover sticht heraus, es ist gut gelungen, wenn auch nicht besonders "buchbezogen". Auch der Titel passt; das Wort "Spinner" kommt im Buch (nur) einmal vor, aber irgendwie fasst es den gesamten Inhalt gut zusammen.

Inhaltlich hat mich besonders fasziniert, sogar ein bisschen erschreckt, dass erst als Jesper im Krankenhaus aufwacht und die Diagnose des Arztes bekommt, auch ich realisiert habe, dass dieser Bursche ernsthafte Probleme hat. Davor war man so im Bann der Story, war so vom Witz und der Eigenarten Jespers mitgerissen, dass einem seine Lebenskrise eher nebensächlich und nicht wirklich ernst vorkamen.
Tolles Buch!!!!! Gut gemacht, Herr Wells!

Lea Kern


Eine Geschichte über eine nicht nur die Autorin prägende Zeit

 
  Irène Némirovsky,
  Feuer im Herbst.
  Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer
  Knaus 2008
  ISBN: 978-3-8135-0317-3


Iréne Némirovsky erzählt in diesem Roman die Geschichte von Thérèse Brun und Bernard Jaquelain und beschreibt gleichzeitig den Zustand einer ins Chaos gestürzten französischen Gesellschaft während und zwischen den beiden Weltkriegen. Thérèse, Bernard, Martial, Raymond und Renée sind die Kinder befreundeter Familien, die an gemeinsamen Nachmittagen 1914 auf den Champs-Élysées noch nichts von den bevorstehenden Ereignissen ahnen. Bald kündigt sich jedoch der Krieg an: Während Thérèse ihren Cousin Martial heiratet und einem Dasein als Soldatenehefrau entgegensieht, meldet sich Bernard freiwillig und kommt an die Front. Martial fällt, doch Bernard überlebt und kehrt voller Lebenshunger nach Paris zurück. Der Wunsch nach Reichtum, Frauen und Luxus bringt ihn zum Ehepaar Raymond und Renée Détang, die den Krieg und die wirtschaftliche Unsicherheit zu ihrem finanziellen Vorteil nutzen. Renée wird bald Bernards Geliebte, während er sich an der Spitze der Gesellschaft glaubt.
Nach einer herben Enttäuschung landet Bernard bei Thérèse, die schon lange in ihn verliebt ist. Sie heiraten und Bernard beginnt ein geordnetes Leben als Bankangestellter und Vater von drei Kindern. Thérèse ist glücklich, doch ihr Ehemann fühlt sich beengt und verlässt sie, um zu Renée und den dubiosen, lukrativen Geschäften mit Raymond zurückzukehren. Erst der Tod seines Sohnes und seine Erlebnisse im 2. Weltkrieg bewirken bei Bernard das Umdenken, auf das Thérèse schon lange und geduldig wartet…

Mit dieser Geschichte arbeitet die Autorin nicht nur die Zeit auf, in der sie gelebt hat, sondern zeigt, wie ihre Figuren mit erschütternden Ereignissen umgehen und wie diese sie für immer prägen. Dabei lernt man ganz verschiedene Facetten der handelnden Personen kennen. Vor allem Thérèse ist eine außergewöhnliche Figur: Obwohl sie viel ertragen muss, bleibt sie nach außen stoisch und gelassen und gibt ihren festen Glauben an Werte wie Treue und den guten Kern des Menschen nicht auf. Dahinter steckt auch viel Leidenschaft und eine charakterliche Größe, die den meisten anderen fehlt. Auch Bernards Charakter ist nicht einseitig, denn neben seiner inneren Unruhe und seinem Streben nach Geld und Vergnügen kommen auch Tapferkeit, Humor und trotz allem eine gewisse Einsichtsfähigkeit zum Vorschein.

Besonders eindrucksvoll finde ich Irène Némirovskys Art zu schreiben: Ihr Stil ist einfach und zugleich geschliffen, für jede Situation findet sie die treffenden Worte, ohne alles ausführlich erklären zu müssen, und dank ihrer bildhaften Beschreibungen sieht man beim Lesen alles ganz genau vor sich. Man erlebt die Geschichte beim Lesen sehr intensiv mit, vor allem am Ende. Sehr interessant ist auch der kritische Blick der Autorin auf die Gesellschaft ihrer Zeit, die zum Teil aus den Folgen des Krieges Vorteile zu ziehen versucht, während andere darunter leiden. Mit einem ironischen Unterton und ohne offene Kritik zeigt sie vor allem die Détangs in einem eindeutigen Licht. Dieses literarisch sehr gelungene Buch bleibt auch lange nach dem Lesen noch im Gedächtnis und ist meiner Meinung nach sehr zu empfehlen.
 
Teresa Maier


19 Minuten, 10 Opfer, 1 Täter


  Jodi Picoult
  19 Minuten.
  Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und
  Klaus Timmermann
  Piper Verlag 2008
  ISBN 978-3-492-05080-7


In neunzehn Minuten kann man einiges erledigen. Zum Beispiel das Gras in seinem Vorgarten mähen, Haare färben oder einen Kuchen backen. Man kann aber auch Rache nehmen.
Und genau das tut der siebzehnjährige Peter Houghton, als er am 6. März mit vier Pistolen bewaffnet seine Schule betritt und ein Blutbad eröffnet, das schlimme Folgen mit sich bringt: 10 Opfer, mehrere Verletzte, hunderte trauernde Angehörige.
Eine von ihnen ist Josie Cormier, die Tochter der Richterin, die durch das Massaker ihren Freund Matt verloren hat und somit die beste Zeugin wäre. Doch sie kämpft mit ihrem Unterbewusstsein, das ihre Erinnerungen an den Vorfall verschlingt. Und so muss der leitende Detektiv, Patrick Durchame, von vorn beginnen, um tief in der Vergangenheit Antworten für Peters Taten zu suchen…

Jodi Picoult ist eine Autorin die sich an brisante Themen heranwagt, die andere nicht einmal mit Samthandschuhen anfassen würden. Mit einzigartigen Charakteren und einer atemberaubenden Erzählkunst schafft sie es den Leser in den Konflikt einzuführen und sich selbst Fragen zu stellen.

Gleich zu Beginn des Romans, findet sich der Leser mitten im Geschehen - Peter Houghton läuft mit einer Pistole in der Hand durch seine Schule und tötet scheinbar willkürlich Mitschüler und Lehrer.
Erst in den folgenden Kapiteln, die eine gute Mischung aus Vergangenheit und Gegenwart der einzelnen Protagonisten bieten, werden Peters Motive erläutert.
Die wechselnden Perspektiven zwischen einer Unzahl von Charakteren (Peters Eltern, Richterin, Detektiv, Anwalt…) kann zwar anfänglich etwas verwirrend wirken, ist aber äußerst hilfreich, um Peter,  und im späteren Verlauf der Geschichte auch Josie, wirklich zu verstehen.
 
„Könnte man Mitgefühl unterrichten, Jodi Picoult wäre die perfekte Lehrerin.“ lautet die Kritik der Washington Post, die am Klappentext zu finden ist. Sie ist mehr als zutreffend, denn von den Schuldgefühlen von Peters’ Mutter bis hin zu Wut, Hass und Verzweiflung der Eltern der Opfer lässt die Autorin niemanden aus und überlässt somit dem Leser selbst die Wahl, Peter als Opfer oder Monster anzusehen.

So sehr ich mich für das Buch auch begeistern konnte, so kann ich mich mit dem Cover nicht anfreunden. Zwar gefällt mir die rostrote Farbe der Spinde im Hintergrund gut und auch das Mädchen auf dem Einband wäre nicht schlecht, wenn nicht ein dicker, weißer Balken seine Nase abschneiden würde. Außerdem kann man, wenn man genau auf die Nummern der Spinde auf der Rückseite sieht, erkennen, dass es sich um dieselben wie auf der Vorderseite handelt

19 Minuten, 10 Opfer, 1 Täter ist das erschreckende Resume, dass Peter Houghton an der Sterling High hinterlässt. Fragen, auf die nur schwer Antworten zu finden sind, ist das erstaunliche Resume, das Jodi Picoult beim Leser hinterlässt.
Ein Buch, das somit absolut jedes seiner 480 Seiten wert ist!

Lisa Lackner

Zeit ist Geld


  Fernando Trías de Bes,
  Der Zeitverkäufer.
  Aus dem Spanischen von Luis Ruby
  dtv 2008
  ISBN 978-3-423-34498-2


NT ist ein Normaler Typ aus Unbestimmter Staat, Austauschbar. Eines Tages zieht er die Bilanz seines Lebens und errechnet, dass er den Banken wegen der Rückzahlung seiner Hypotheken genau genommen 35 Jahre Zeit schuldet. Weil er sich lieber mit den Rotköpfigen Ameisen beschäftigen würde als weiter als Buchhalter zu arbeiten, kündigt er und gründet die Freiheit GmbH. Sein Produkt ist Zeit, abgefüllt in 5-Minuten-Fläschchen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten werden alle Leute zu begeisterten Zeit-Konsumenten und NT baut ein mächtiges Unternehmen auf. Seine Macht, den Menschen Zeit zur freien Verfügung zu geben, ist manchen jedoch bald ein Dorn im Auge…

Zeit ist Geld – dieser Grundsatz steht am Anfang und am Ende dieses Buches, das die Zeit aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und als einen entscheidenden Faktor in der Gesellschaft, in der Wirtschaft und im Leben jedes Menschen darstellt. Die Idee, Zeit zu verkaufen, wird in der Geschichte konsequent bis zum Ende durchgedacht und regt zum Nachdenken an. Obwohl unsere Zeit uns allein gehört, haben wir selten genug davon, vor allem nicht für das, was uns wirklich wichtig ist – daher ist der begeisterte Konsum von Fünf-Minuten-Fläschchen gar kein so abwegiger Gedanke.

Passend zum Thema ist das Buch kurz und lässt sich in schnellem Tempo lesen, damit der Leser, wie im Vorwort erwähnt wird, keine Zeit verliert. Der Text ist voller witziger Anspielungen auf die Zeit und häufige Wörter werden abgekürzt, was auch oft sehr lustig ist und die Aussage noch unterstreicht. Daneben ist dennoch genug Zeit für unterhaltsame Details und Situationen, bei denen man einfach lachen muss. Trotz des komplexen Themas und der dahinter stehenden Gesellschaftskritik ist der Tonfall des Buches optimistisch und spielerisch. Aus dem Gedankenexperiment mit dem Verkauf von Zeit hat der Autor mit Humor und Intelligenz wirklich das Beste gemacht: Ein Buch, für das man sich unbedingt Zeit nehmen sollte.

Teresa Maier

Geschichte für Zirkusliebhaber


  Sara Gruen,
  Wasser für die Elefanten.
  Aus dem Englischen von Eva Kemper,
  Dumont 2008
  ISBN 978-3-8321-8026-3

 

Die Geschichte beginnt um 1930 in Amerika, als Jacob Jankowski  einen schweren Schicksalsschlag erlebt: seine Eltern kommen bei einem Autounfall ums Leben. Er ist am Boden zerstört und unfähig sich auf die bevorstehende Abschlußprüfung seines Studiums der Veterinärmedizin, vorzubereiten. Ziellos wandert er umher bis er auf einen Zug mit der Aufschrift „Benzinis spektakulärste Show der Welt“ stößt. Er will ein neues Leben beginnen, springt auf den Zug auf und findet sich  schließlich in einem Wanderzirkus wieder.
Jacob hat Glück, denn auf Grund seiner Kenntnisse als Tierarzt wird er im Zirkus sofort aufenommen. Er gewöhnt sich schnell an sein neues Umfeld, bis er eines Tages die wunderschöne Marlena, Pferdeartistin der Show, sieht und sich in sie verliebt. Es gibt nur ein Problem: Sie ist bereits mit dem jähzornigen Stallmeister August verheiratet. Doch auch Marlena erwidert trotz schwieriger Umstände Jacobs Gefühle und als die unterbezahlten und wütenden Arbeiter die Nase voll haben und den Zirkus während einer Show zerstören, nützen die beiden die Gelegenheit zu flüchten… 

Erzählt wird die Geschichte vom 90jährigen Jacob, der, von seinen eigenen Kindern vergessen, in einem Altersheim lebt und sich sehnsüchtig an seine Zeit im Zirkus erinnert.

Das Buch entspricht eigentlich einem ziemlichen Liebesklischee, das nur am Ende ein wenig zerbricht. Schon von Anfang an ist es klar, das Jacob und Marlena zusammenkommen. Es gelingt der Autorin trotz der jähzornigen Figur des Stallmeisters nicht wirklich Spannung zu erzeugen. Das Ende, das ich hier allerdings nicht vorweg nehmen möchte, rundet diesen Roman trotz des Klischees vollkommen ab.

Sarah Gruens Roman spricht wahrscheinlich all jene an, die das Zirkusleben oder die Zeit der Weltwirtschaftskrise, schon immer fasziniert hat. Durch ihre große Recherche, die sie im Nachwort genauer erläutert, bekommt man wirklich einen tiefen Einblick in das Leben eines Zirkusartisten.
Für diejenigen, die sich nicht sonderlich für die Zirkuswelt interessieren, ist der Roman auf Grund seiner langwierigen Liebesgeschichte nur stellenweise wirklich spannend und zwingt so nicht unbedingt zum Weiterlesen.

Das Cover ist gut gelungen. Obwohl mir die Symbolik (der Zelteingang symbolisiert für mich den Eingang in die Zirkuswelt, den man durch dieses Buch bekommt) besser gefällt als das eigentliche Bild.

Fazit: Eine wunderbare Geschichte für alle Zirkusliebhaber, allerdings für meinen Geschmack etwas zu klischeelastig!  

Lisa Lackner

Umfassende Geschichten der Passagiere auf der Kroonland 1904

 
  Dörthe Binkert
  Weit übers Meer.
  dtv 2008
  ISBN 978-3-423-24693-4
 


„Blinder Passagier an Bord der Kroonland gefasst“ stand am 3. August 1904 in der New York Times. Dieser Artikel ist die Grundlage für Dörthe Binkerts Roman „Weit übers Meer“, in dem Valentina Meyer in einem atemberaubenden, weißen Abendkleid das Schiff betritt.
Doch schon am nächsten Morgen meldet sie sich beim Kapitän als blinder Passagier. An Bord schließt sie Freundschaft mit Henry Sauvignac und Thomas Whiterspoon. Und so beginnt die Erzählung ihrer schicksalhaften Geschichte, die tief in der Vergangenheit begraben liegt.

Dörthe Binkerts Romandebüt ist eine historische Geschichte über die verschiedensten Passagiere an Bord der „Kroonland“. Der Leser begleitet sie auf dieser wunderbaren Reise und wird in die individuellen Geschichten der Charaktere gezogen, die teilweise wirklich spannend sind.
Dafür muss die Autorin meist ziemlich weit in die Vergangenheit der Charaktere zurückgreifen, es entstehen sehr viele Zeitebenen in den einzelnen Kapiteln, die im Leser oft Verwirrung auslösen. Oft hat man das Gefühl, endlich die Vorgeschichte verstanden zu haben, doch dann findet man nicht mehr in die eigentliche Geschichte - auf der Kroonland – zurück.

Der Roman ist sehr an seine Zeit angepasst. Somit ist es nicht ungewöhnlich, dass Dörthe Binkerts Schreibstil lang und umfassend ist, was den Leser nicht unbedingt zum Weiterlesen antreibt. Durch ihre detaillierte Erzählweise wird ihm allerdings die Zeit näher gebracht und man kann den Speisesaal mit seinen Lustern und Kronleuchtern vor dem geistigen Auge sehen.

Die Charaktere finde ich gut gelungen, obwohl mich an fast allen ihr maßloses Ausschweifen in ihre Vergangenheit stört. Jeder einzelne hat eine mysteriöse Geschichte hinter sich, was dazu beiträgt, das der Roman keinem Klischee entspringt.

Für die zwei Gemälde (The Black Sea von Ivan Aivazovsky/Repose von John Singer Sargent), die das Cover bilden, kann ich mich nicht wirklich begeistern. Da man einerseits genau die Trennlinie sieht und andererseits das Kleid der Dame, die Valentina darstellen soll, nicht wirklich atemberaubend aussieht. Einzig der Tisch ist vielleicht ein historischer Blickfang.

Alles in Allem ist „Weit übers Meer“ sicher ein guter Roman, bei dem ich aber nicht wirklich eine größere Überraschung erlebt habe. Trotzdem freue ich mich auf Dörthe Binkerts nächste Bücher.

Lisa Lackner


Durch einen Cellisten verbunden...

 
  Steven Galloway,
  Der Cellist von Sarajevo.
  Aus dem amerikanischen Englisch von Georg Schmidt,
  Luchterhand 2008
  ISBN 978-3-630-87279-7


Bosnien, Anfang der 90er Jahre: Sarajevo ist zu dieser Zeit eine Stadt des Krieges und der Verwüstung. Granaten zerstören ganze Häuser, Lebensmittel sind begrenzt, Wasser und Strom sind Luxus. Und mitten in dieser Stadt leben Strijela, eine Scharfschützin, Kenan ein verängstigter Familienvater, und Dragan, ein einsamer, alter Mann. Scheinbar unabhängig voneinander, beginnen sie uns ihre Geschichten zu erzählen, die allesamt mit dem Krieg in Verbindung stehen. Doch so groß der Unterschied sein mag, eines haben sie alle drei gemeinsam: Den Cellisten, der zweiundzwanzig Tage lang das Adagio in g-Moll von Tomaso Albinoni auf der Straße spielt.  
Durch seine Musik können sie den Krieg zwar nicht besser überstehen, doch sie gibt ihnen Kraft, zu verstehen und ihre Schicksale in die Hand zu nehmen.

Der „Cellist von Sarajevo“ ist trotz der vielen Granateneinschläge ein sehr ruhiges Buch, das weder durch satirische Geschicklichkeit des Autors noch besondere stilistische Formen heraussticht. Doch all das braucht es nicht. Denn Steven Galloway schafft es, das Kriegsgeschehen mit nur drei Charakteren zu verdeutlichen. Wir lernen nicht nur die Figuren Strijela, Kenan und Dragan kennen, sondern viel mehr lernen wir auch über ihr Leben, ihre Wünsche, ihre Träume, die während des Krieges alles andere als normal sind. So kann es zum Beispiel passieren, dass das einfache Überqueren einer Straße mit einem tödlichen Schuss endet oder Wasser zum Luxusgut wird.
All diese Punkte bringt Steven Galloway auf 235 Seiten und lässt den Lesern unendlich viel Freiheit, sich davon selbst ein Bild zu machen.

Durch die abwechslungsreichen Sichtweisen der drei Protagonisten sowie den relativ kurzen Abschnitten verfliegt die Lust am Weiterlesen nicht, sondern wird dadurch eher noch gesteigert. Allerdings wirkt manchmal der innere Monolog, den der Autor zwar braucht, um die Entwicklung von den drei Figuren für uns zu verdeutlichen, etwas zu lang und somit an bestimmten Stellen zwingend. 
Auch ist es durch die Zeitverzögerung der einzelnen Erzählungen unklar, wann der Tag endet und der nächste beginnt - und das ist im Bezug auf den Cellisten nicht unwesentlich.

Das Cover finde ich trotz der Abbildung des Cellisten, die dem Leser die Chance raubt sich ihn selbst vorzustellen, recht gut, da ich selbst nicht wirklich weiß, wie es im Krieg aussieht und mir das Bild somit eine kleine Ahnung liefert.

Steven Galloways „Der Cellist von Sarajevo“ ist für mich ein Buch, das mich einerseits anregt, mehr über den Balkankrieg zu erfahren (es somit schafft, mich für Geschichte zu interessieren) und andererseits zum Nachdenken bringt (selbst das passiert bei Büchern nicht allzu oft). Diese beiden Tatsachen mit nur einem Buch zu erreichen, ist ein wahres Kunstwerk und somit ein wirklich lesenswerter Roman!

Lisa Lackner


Ruhig und poetisch - eine japanische Liebesgeschichte

  Hiromi Kawakami,
  Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß.
  Eine Liebesgeschichte.
  Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe und
  Kimiko Nakayama-Ziegler,
  Hanser 2008
  ISBN 978-3-446-20999-2


In einer kleinen Kneipe am Bahnhof trifft Tsukiko einen älteren Mann, der an der Theke sitzt und dasselbe bestellt wie sie. Wie sich herausstellt, ist er Harutsuna Matsumoto, ihr ehemaliger Japanischlehrer. Für sie ist er deswegen einfach der „Sensei“. Ohne sich jemals zu verabreden, treffen sie einander immer öfter in Satorus Lokal, trinken Sake und unterhalten sich. Beide leben allein und haben ansonsten nicht viele Freunde. Zwischen ihnen entsteht eine Verbindung, die vor allem von Wärme und gleichzeitiger Distanz geprägt ist. Nach einiger Zeit besuchen sie gemeinsam einen Markt, gehen Pilze sammeln und verreisen schließlich auf eine Insel. Der Altersunterschied zwischen ihnen ist groß und auch ihre Interessen könnten nicht unterschiedlicher sein, abgesehen von ihrer gemeinsamen Vorliebe für Sake und bestimmte Gerichte. Die Gefühle, die Tsikiko und der Sensei dennoch langsam füreinander entwickeln, können sich beide erst nach langer Zeit eingestehen…

Wie oft japanische Bücher ist auch dieses sehr zurückhaltend geschrieben und vieles kommt eher indirekt zum Ausdruck. Dennoch überwinden die Personen ihre eigene Zurückhaltung und öffnen sich mit der Zeit, was man als Leser genau mitverfolgen kann und was mir an dieser Geschichte besonders gut gefällt. Schön ist auch die ruhige, fließende Sprache ohne große stilistische Besonderheiten. Ohne viele Worte drückt die Autorin in einfachen, nicht zu langen Sätzen das Wesentliche aus. Vor allem gibt es viele alltägliche, scheinbar unbedeutende Dialoge, die sehr viel über die redenden Personen und ihr Verhältnis zueinander aussagen. Tsukiko und der Sensei werden nie genauer beschrieben, aber in verschiedenen Situationen und durch ihre Gespräche lernt man sie sehr gut kennen, bis hin zu ihren ganz persönlichen Eigenheiten. Nicht nur ihr Wesen kann man sich gut vorstellen, auch die Gefühle zwischen den beiden werden richtig greifbar. Das alles äußert sich in verschiedenen Kleinigkeiten, durch die man beim Lesen merkt, wie ihre Zuneigung langsam wächst und wie sie ihre eigenen Ängste und Unsicherheiten erst überwinden müssen. Beide reagieren aus diesem Grund manchmal eigenartig, was die Autorin auch mit einem gewissen Humor beschreibt, aber das macht sie umso menschlicher. Einige Motive wiederholen sich oft und geben der Geschichte einen Rahmen, zum Beispiel der Sake, Satorus Kneipe, Naturbeschreibungen von Bäumen und Vögeln, Haikus und so weiter. Auch das verstärkt den Eindruck, man würde die Charaktere kennen und mit ihnen mitleben.

„Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ ist eine ruhige, poetische Liebesgeschichte, die vielleicht sogar zum Nachdenken anregt, und meiner Meinung nach sehr zu empfehlen ist.

Teresa Maier


Um Skateboarden geht es, aber nicht nur...

 
  Nick Hornby,
  Slam.
  Aus dem Englischen von Clara Drechsler
  Kiepenheuer & Witsch 2008
  ISBN 9783462039658


Nick Hornbys neuester Roman dreht sich um den 15 (auf einigen Seiten auch 16, 18, 19, 20) – jährigen Sam, der mit seiner jungen Mutter zusammenwohnt, dessen großes Vorbild der Skater Tony Hawk ist und der ein großes Problem am Hals hat: seine (Ex-)Freundin ist schwanger.

Hornby wie man ihn gewöhnt ist: Humor, schwarz wie Bitterschokolade, nicht typisch süßlich aber durchaus gut – vielleicht sogar besser.
Alle Charaktere sind glaubhaft und originell, sie entsprechen nie dem Klischee – während ich mich mit Sam durchaus angefreundet habe, war mir seine schwangere Freundin Alicia, mit der man doch eigentlich praktisch vorprogrammiert Mitleid haben sollte, eher unsympathisch.
Ein aktuelles, jugendliches Buch, nicht zu lang und nicht zu kurz, voller Pointen aber auch berührender Szenen.

Besonderes Special, das viele Denkanstöße gibt: Sam wird von Tony Hawk, mit dessen Buch und Poster er immer wieder intensive Unterhaltungen führt, einige Male in die Zukunft geschleudert und muss sich dann völlig orientierungslos mit neuen Situationen herumschlagen.

Das Cover finde ich gelungen, es sieht ein wenig hingeschludert aus, was aber passend ist, bedenkt man, dass es sich im Buch um einen 15-jährigen handelt …

Auf jeden Fall ist Slam (bedeutet übrigens wenn du beim Skaten auf die Nase fällst) auch in der Originalsprache zu empfehlen – denn nur auf Englisch, finde ich, kann man einen Hornby richtig genießen.

Lea Kern


Menschen auf der Suche


  Sylvie Schenk,
  Die Tochter des Buchhändlers.
  Picus 2008
  ISBN 978-3-85452-634-6



Die Geschichte handelt von einem verstorbenen Buchhändler, der eine eigenwillige, aber leidenschaftliche Persönlichkeit war und der ausschließlich für die Bücher und seine Buchhandlung gelebt hat. Nach seinem Tod steht seine Tochter und Mitarbeiterin Alice vor einer gewissen Leere und einer folgenreichen Entscheidung. Soll sie die Buchhandlung aufgeben und etwas anderes machen oder das Geschäft allen wirtschaftlichen Schwierigkeiten zum Trotz weiterführen? Der Tod des Buchhändlers führt auch die Personen zusammen, denen er viel bedeutet hat: Es begegnen sich unter anderem sein Lebensgefährte Roberto, die unsympathisch wirkende Kundin Veronika, die ihn besonders verehrt, der entscheidungsunfähige Heiko und der Schriftsteller Paul, den Alice heimlich liebt. Obwohl der Buchhändler besser Bücher empfehlen als menschliche Wärme verbreiten konnte, fanden sie alle bei ihm Halt in ihrer Unsicherheit. Gemeinsam ist ihnen allen außerdem die Liebe zur Literatur. Die Gedenkfeier, die Veronika für den Buchhändler organisiert, wird schließlich zum Anlass für Erkenntnisse und zum Ausgangspunkt für neue Wege…

Die ruhige Handlung dieses Buches, in dem sich äußerlich gar nicht so viel tut, könnte auf den ersten Blick langweilig wirken, das ist allerdings nicht der Fall. Im Zentrum stehen die einzelnen Personen und ihr Innenleben: Alle sind auf der Suche nach etwas, spüren Orientierungslosigkeit und haben mit kleineren und größeren Krisen zu kämpfen, ohne sich wirklich jemandem anvertrauen zu können. Obwohl er selbst nie auftritt, dreht sich alles um die Figur des Buchhändlers. Er hat sich im Gegensatz zu den anderen für eine Art zu leben entschieden, steht zu seinen Eigenarten und lebt ganz für seine Leidenschaft, das Lesen. Ohne es zu beabsichtigen, verbindet er Menschen miteinander und inspiriert sie auf seine Weise. Alle Personen sind sehr ausführlich und liebevoll beschrieben, sodass man sich teilweise gut mit ihnen identifizieren kann. Man gewinnt beim Lesen einen tiefen Einblick in ihr Inneres mit allen Wünschen und Ängsten. Gleichzeitig wirft das Buch grundlegende Fragen über das Wesen und die Folgen großer Entscheidungen, die Suche nach dem Sinn verschiedener Dinge, die Individualität und die Spannung zwischen Leidenschaft und Vernunft auf.

Die Sprache ist einfach, aber voller zu langer Sätze und deswegen nicht sehr flüssig, was die Autorin durch eine sorgfältige Wortwahl wieder ausgleicht. Dieses angenehme, kleine Buch regt zum Nachdenken an und vermittelt ganz unerwartet eine gewisse Wärme.

Teresa Maier

Schonungsloser Denkanstoß

 
  Yasmina Khadra,
  Die Sirenen von Bagdad.
  Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe,
  Nagel & Kimche 2008
  ISBN: 9783312004096


Yasmina Khadras neuer Roman handelt von einem jungen Iraker, der im Beduinendorf Kafr Karam aufgewachsen ist und dort lebt. Der Irakkrieg beginnt und amerikanische Soldaten besetzen den Irak, sein Dorf jedoch bleibt von diesen Ereignissen zunächst unberührt. Als ein amerikanischer Soldat einen geisteskranken Dorfbewohner erschießt und wenig später eine Bombe auf eine Hochzeit im Dorf fällt und zahlreiche Menschen tötet, verändert sich die Situation schlagartig. Wut, Hilflosigkeit und Hass machen sich breit. Schließlich wird die Familie des jungen Mannes von Soldaten durchsucht und schwer gedemütigt. Diese grausamen Vorfälle verändern den jungen Iraker völlig. Er verlässt Kafr Karam, um in Bagdad seinem Hass Ausdruck zu verleihen. Nach einer mühsamen Reise kommt er in der Hauptstadt an, schlägt sich zunächst auf der Straße durch und kommt zu einer Gruppe von Terroristen. Diese wählt ihn aus, um einen furchtbaren Anschlag zu begehen…

„Die Sirenen von Bagdad“ ist in jeder Hinsicht ein schockierendes Buch voller gewaltsamer, erschreckender und oft unmenschlicher Ereignisse. Als „westlicher“ Leser kann man nicht immer alle Gedanken, Handlungen und Beweggründe der Hauptfigur, die ohne Namen bleibt, vollständig nachvollziehen. Trotzdem bekommt man einen Einblick in die Situation eines Irakers, der so viel Zerstörung und Gewalt miterlebt, bis er kein normales Leben mehr führen kann. Man erfährt, was passieren muss, damit ein Mensch von so großem Hass erfüllt wird und plötzlich zu so drastischen Gewaltakten bereit ist. Am Anfang ist der Protagonist noch friedlich und sensibel, doch er macht eine radikale Entwicklung durch, will nur noch alles und jeden vernichten und ignoriert bis zum Schluss sämtliche Warnungen von anderen.

Yasmina Khadras Stil ist wie immer sehr geschliffen, er schreibt eindringlich und direkt. Die einzelnen Personen diskutieren sehr viel und bringen verschiedenste Argumente für oder gegen den Krieg, den Terrorismus, den Westen etc. Die Szenen um solche Diskussionen wirken vor allem am Ende manchmal konstruiert, was ihren Inhalt aber nicht weniger interessant macht. Nur das Ende des Romans passt nicht ganz zur übrigen Handlung, weil auf wenigen Seiten eine überraschende Wendung stattfindet, während alle anderen Ereignisse sehr viel ausführlicher erzählt werden.
Als schonungsloser Denkanstoß mit leider sehr realem Hintergrund ist dieses Buch aber auf jeden Fall zu empfehlen!

Teresa Maier


Eine ungewöhnliche Geschichte zwischen Vater und Tochter


  Stefanie Geiger,
  Der Eisfürst.
  C.H. Beck 2008
  ISBN 9783406570308



Eine Mutter erzählt ihrer Tochter Geschichten aus ihrer Jugend in den 70er Jahren. Unter anderem berichtet sie von ihrer Arbeit in einer Buchhandlung, ihrer Liebe zum jungen Physikstudenten Sven, dessen eigenartiger Freundschaft mit einem verrückten Schriftsteller und vom so genannten Eisfürsten. Der Eisfürst ist ein nüchterner, gefühlskalter Mann, den die Mutter wegen einer Geldangelegenheit geheiratet hat und der sie bald nach der Geburt des gemeinsamen Kindes verlässt. Nach Jahren meldet er sich bei der erwachsenen Tochter und lädt sie in ein Hotel nach Sylt ein. Dort lässt er sie warten – in einer verlassenen Gegend, wo es außer einigen wenigen Leuten und deren Geschichten nichts gibt. Schließlich trifft die Tochter den Eisfürsten in der Fabrik, die er leitet, und bekommt von ihm ein überraschendes Angebot…

Diese wirklich eigenartige Handlung könnte durchaus interessant sein, wenn sie anders erzählt wäre. Die Atmosphäre ist von Anfang bis Ende kalt und emotionslos, ohne dass es eine nachvollziehbare Ursache dafür gäbe. Eine Identifikation mit den nicht besonders lebendig beschriebenen Personen ist nicht möglich, weil sie unlogisch handeln und nicht besonders glaubhaft wirken. Man erfährt nur sehr wenig über sie, ihre Eigenschaften und ihre  Beweggründe. Auch ihre Namen werden selten erwähnt und dann oft nur abgekürzt. Wichtige Elemente der Handlung erwähnt die Autorin nur am Rande, während sie unnötige Details sehr ausführlich beschreibt. Das führt dazu, dass man sich als Leser oft nicht auskennt und viele Szenen der Geschichte nicht zuordnen kann. Auch der Aufbau des Buches ist ungewöhnlich: Durch kurze Abschnitte mit mehr oder weniger gelungenen Überschriften, Zeitsprünge, Klammern und Abkürzungen zerfällt der Text und es entsteht kein richtiger Lesefluss. Die Grundstruktur der Handlung und einige eingestreute Motive sind wirklich interessant, doch insgesamt wirkt das Buch ein wenig konstruiert. Die Handlung, der Aufbau, die Stimmung und die vielen Kleinigkeiten, die beschrieben werden, passen einfach nicht ganz zusammen. Mir ist es teilweise schwergefallen, in diesem Roman einen tieferen Sinn zu finden.

Teresa Maier

Eine ungewöhnliche Frau im 18. Jahrhundert


 Margrit Schriber,
 Die falsche Herrin.
 Nagel und Kimche 2008
 ISBN 978-3-312-00413-3



In diesem Roman erzählt Margrit Schriber von einer jungen Frau mit außergewöhnlichen Träumen und einem ereignisreichen Leben.

Anna Maria Inderbitzin wächst im 18. Jahrhundert in Schwyz in sehr armen Verhältnissen und ohne richtige Familie auf. Oft sieht sie die adelige Tochter des reichen Richters Reding und stellt sich vor, selbst ein so vornehmes Leben mit Spitzentaschentüchern und Spaziergängen in prachtvollen Gärten zu führen. Unerschrocken und geschickt sammelt sie Informationen, reist quer durch Europa und gibt sich immer wieder als jemand anderer aus, um ihre Ziele zu erreichen. Dabei wird sie zwei Mal erwischt und vor dem Gericht in Schwyz verurteilt, doch sie entkommt ihrem Dorf immer wieder. Schließlich landet sie auf einem französischen Schloss, wo jeder sie für Redings Tochter hält. Sie lernt französisch, wird neu eingekleidet und bezaubert alle Schlossbewohner. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ihre Identität auffliegen muss.

Diese ungewöhnliche und interessante Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten, die die Autorin nur ein wenig ausbaut und erweitert. Die meisten Figuren, wie der Richter oder die Wäscherinnen, denken und handeln sehr charakteristisch für ihre Zeit, was die Sonderstellung der „Bitzenin“, wie sie genannt wird, noch mehr betont. Die Verehrung, die manche Personen ihr entgegenbringen, ist zwar manchmal fast zu viel, aber auch als Leser staunt man über diese Frau, die ohne jeden Zweifel aus ihrer gesellschaftlichen Stellung ausbricht. Das historische Umfeld ist sehr plastisch beschrieben, man kann sich diese Welt sehr gut vorstellen. Der Schreibstil der Autorin wirkt sehr nüchtern und karg, aber nicht ohne Einfühlungsvermögen. Die Sätze sind knapp und voller veralteter oder regionaler Ausdrücke, die zum Glück hinten im Buch erklärt werden. Daraus ergibt sich ein eigenartiger Tonfall, der die Bräuche und Sitten des 18. Jahrhunderts unterstreicht und das Buch von anderen historischen Romanen abhebt.

Teresa Maier

Beeindruckende Lebenshähe

 
  Laura de Weck,
  Liebinlingsmenschen.
  Diogenes 2007
  ISBN 978-3-257-06628-9



„Lieblingsmenschen“ ist ein Theaterstück
über fünf Studenten und ihren Alltag, der hauptsächlich aus Lernen, Zigarettenpausen und Partys besteht. Sie fangen belanglose Affären an, wenn sie sich nicht in einer langjährigen Beziehung befinden, machen Prüfungen, feiern, streiten, schicken sich gegenseitig rund um die Uhr SMS und sind ständig unterwegs. In ihren Gesprächen dreht sich alles um eher oberflächliche Themen, es findet fast nur Small Talk statt, wenig wirkliche Kommunikation. Über Sorgen und Gefühle sprechen sie zwar auch, doch dann hört ihnen niemand zu. Die Unsicherheit der Studenten, wie sie einander begegnen und was sie mit ihrem Leben anfangen sollen, wird ebenso greifbar wie eine gewisse Gleichgültigkeit allen anderen gegenüber. Ein unerwartetes Ereignis am Ende rückt die nach außen hin heile und zwanglose Welt der Studenten plötzlich in ein völlig anderes Licht…

Es ist beeindruckend, wie lebensnah die Autorin verschiedene Aspekte des Studentenlebens einfängt und wie genau vor allem die Dialoge die häufigen Alltagsgespräche auf der Uni wiedergeben. Das gilt auch für die SMS, die sich die Personen ständig schicken. Man erfährt nicht viel über die Charaktere, was aber nur unterstreicht, wie wenig sie selbst übereinander wissen und wie ähnlich sie in manchen Dingen sind. Sie versuchen, ihr Leben mit verschiedenen Aktivitäten auszufüllen, weil sie ihren Weg erst noch suchen müssen. Auch sonst haben sie keinen Halt, weder in engen Freundschaften noch in Beziehungen oder der Familie. Diese völlige Orientierungslosigkeit und die ununterbrochene Ruhelosigkeit sind ein wenig überspitzt dargestellt, weil es nicht automatisch allen jungen Menschen so geht, aber eine Tendenz dazu ist auch in Wirklichkeit vorhanden.
Das Stück zeigt sehr gut die großen Probleme der Studenten auf, die sich hinter alltäglichen Szenen verbergen. Deutlich wird auch ihr ständiger Drang, etwas erleben zu wollen und dadurch von den anderen anerkannt zu werden. Das alles bringt die Autorin mit wenigen Worten und in einfacher Sprache sehr treffend zum Ausdruck. Ich würde das Stück gerne auf der Bühne erleben, weil man beim Lesen merkt, dass man „Lieblingsmenschen“ auf verschiedenste Arten inszenieren kann und weil mich interessieren würde, wie dort z.B. die Studenten oder die SMS dargestellt werden.

Teresa Maier


Jugendbuchpreis 2008 der Jury der Jungen Leser für Anthony McCarten!


  Anthony McCarten,
  Superhero.
  Aus dem Englischen von Manfred Allié
und Gabriele
  Kempf-Allié,
  Diogenes 2007
 
ISBN 978-3-257-06575-6


Der 14 jährige Donald F. Delpe leidet an Leukämie und scheint seinen Überlebenswillen schon längst aufgegeben zu haben. Sein einziger Wunsch, nicht als Jungfrau zu sterben, scheint unerreichbar. Er schafft sich seine eigene Welt aus Superhelden wie dem Miracle Man, der jedem Hindernis trotzt und unverwundbar scheint. Seine Gedanken und Gefühle hält Don in seinen, auf den ersten Blick pornographisch wirkenden Comics fest. Erst auf den zweiten Blick offenbaren sie seinen Wunsch nach einem normalen Leben, den Kampf mit der Krankheit und sein Verlangen nach einer Freundin. Hinzu kommen viele interessante und individuelle Charaktere, die Donalds Leben verändern und umgekehrt.

Anthony McCarten schreibt in seinem modernen Roman über viel mehr als nur außer Kontrolle geratene Hormone und das Erste Mal. Das Lesen ist sehr unterhaltsam, nicht selten muss man als Leser laut lachen. Das Buch gleicht, durch seine ungewohnte Aufteilung in drei Akte plus Outtakes, einem Film mit Rollenverteilung. Der Stil ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, zieht einen jedoch sofort durch seine Außergewöhnlichkeit in seinen Bann. Ein weiterer Pluspunkt ist die ungezwungene Offenheit über das Thema Sex, die diesem Buch eine große Glaubwürdigkeit verleiht. Dieses Buch ist absolut
lesenswert, für alle, die von klischeehaften Erste-Liebe-Romanen genug haben.

Tamara Pilz

Schriftstellerin, Philosophin, Selbstdenkerin

 
  Ingeborg Gleichauf,
  Sein wie keine andere.
  dtv Reihe Hanser 2007
  ISBN 978-3-423-62324-7



Simone de Beauvoir war eine Schriftstellerin und Philosophin, die sich in ihren Werken sehr viel mit der Freiheit des Menschen auseinandergesetzt hat und die diese Freiheit auch gelebt hat. Berühmt ist sie besonders wegen ihrer lebenslangen offenen Beziehung zu Jean-Paul Sartre, doch ihre eigenständige Karriere, ihre philosophischen Gedanken und ihr umfangreiches Werk machen sie selbst auch heute noch zu einer hochinteressanten Persönlichkeit.

Die Biographie „Sein wie keine andere“ von Ingeborg Gleichauf ist rechtzeitig zu Beauvoirs 100. Geburtstag am 9. Jänner 2008 erschienen und vermittelt einen lebendigen Einblick in ihr Leben. Die Autorin zeichnet ein sehr persönliches Portrait der Philosophin und erzählt ihre Lebensgeschichte sehr abwechslungsreich mit passenden Zitaten aus Beauvoirs Werk. Das Ergebnis ist kein eintöniger Lebenslauf voller Daten und Fakten, sondern man bekommt fast das Gefühl, Simone de Beauvoir erzähle ihre Geschichte selbst. Zum Teil liegt das natürlich auch daran, dass sie ihr Leben auch selbst aufgeschrieben und dabei sehr viel von ihrer Persönlichkeit gezeigt hat, z.B. in „Memoiren einer Tochter aus gutem Hause“ oder „In den besten Jahren“. Man erfährt sehr viel über besondere persönliche Erlebnisse wie die erste Begegnung mit Sartre, über die Entwicklung und den Alltag Simone de Beauvoirs. Sowohl ihre Stärken als auch ihre Schwächen werden voller Sympathie dargestellt. Beeindruckend finde ich die Mischung aus Disziplin, Ernst und unbeschwerter Lebensfreude, die im Buch an ihr sehr deutlich wird. Einen nahen Einblick bekommt man beim Lesen auch in ihre philosophischen Gedanken, ihre Gefühle und die Verbindung, die dazwischen oft besteht.
Da Simone de Beauvoir von vielen Menschen oft nicht verstanden wurde, gab es immer wieder auch Kritik an ihr als Person und an ihrem Werk, wie z.B. an ihrer Studie „Das andere Geschlecht“ von 1949. In der Biographie ist auch von dieser Kritik die Rede, doch man wird als Leser so direkt in Beauvoir hineinversetzt, dass man ihr Handeln meistens verstehen kann.

Besonders gelungen sind auch der Aufbau der Biographie und die Einteilung in Kapitel über einzelne Lebensabschnitte. Die Überschriften bestehen aus gut ausgewählten Zitaten von Simone de Beauvoir, z.B. „Solange ich lese, lebe ich in der Haut eines anderen“. Neben vielen Fotos und einer Landkarte im Buch ist auch das Cover sehr ansprechend: Die kräftige Farbe, das sehr sympathische Foto von Beauvoir und der Titel passen gut zusammen.

Dieses Buch bringt Simone de Beauvoir als eine außergewöhnliche Person zum Ausdruck, die unabhängig von Sartre und anderen, aber auch gemeinsam mit anderen (wie bei ihrem Engagement für die Rechte der Frauen) viel geschaffen hat. Sie hat es tatsächlich geschafft, zu „sein wie keine andere“.

Teresa Maier


Eine Bar, ein Abend und vier Personen

  Philippe Besson,
  Nachsaison.
  Aus dem Französischen von Caroline Vollmann.
  dtv 2007
  ISBN 978-3-423-24597-5



„Nachsaison“ ist die Geschichte von vier Personen in einer Bar, wie sie auf dem Gemälde „Nighthawks“ von Edward Hopper zu sehen sind. Louise, die Frau im roten Kleid, wartet im „Phillies“ auf ihren Geliebten Norman, der sich vor ihrem Treffen von seiner Frau trennen will. Während sie wartet, geht der Barkeeper Ben, den sie schon lange kennt, seiner Arbeit nach und beobachtet, was an diesem Abend passiert. Statt Norman betritt plötzlich Stephen die Bar, den Louise seit Jahren nicht gesehen hat. Die beiden waren fünf Jahre lang ein Paar, bis Stephen sich von ihr getrennt und eine andere Frau geheiratet hat. Es ist ihre erste Begegnung seit langer Zeit und Louise ist sehr überrascht und durcheinander. Langsam und zögerlich entwickelt sich ein Gespräch, in dem Neuigkeiten ausgetauscht und Erinnerungen angesprochen werden. Ben beobachtet bei den beiden Anzeichen ihrer früheren Vertrautheit, aber auch eine große Unsicherheit, was jetzt passieren soll.

In einem sehr zurückhaltenden, nachdenklichen Tonfall schildert der Autor die Geschichte dieses Abends in der Bar. Dabei werden sämtliche Details wie Gefühle, Gedanken und Bewegungen sehr genau beschrieben und die Handlung geht eher langsam voran. Man gewinnt als Leser einen sehr tiefen psychologischen Einblick in die Personen und lernt sie hautnah kennen. Unbedeutende Gewohnheiten, kleine Vorlieben und Eigenheiten werden genauso beschrieben wie Gedankengänge einer Person darüber, was eine andere gerade gesagt hat. Diese Erzählweise macht den Roman außergewöhnlich, da man selten so genau in die handelnden Personen „hineinschauen“ kann.

Auch die Atmosphäre im „Phillies“ und die Stimmung, die an diesem Abend zu verschiedenen Zeitpunkten herrscht, werden trotz dieser ungewöhnlichen Genauigkeit sehr deutlich. Dass die Geschichte insgesamt aus einer sehr neutralen Perspektive erzählt ist, verhindert nicht, dass Gefühle lebendig zum Ausdruck kommen, und macht sie nicht weniger berührend. In den Gedanken von Louise, Stephen und Ben finden sich viele zentrale Aussagen über Beziehungen, über Liebe und Abschied. Dieses Buch regt zum Nachdenken über diese Themen an und lässt den Leser unmittelbar in die Situation in „Nighthawks“ eintauchen, daher hat es bei mir einen besonderen Eindruck hinterlassen.

Teresa Maier

Eine folgenreiche Freundschaft

  Louis Begley,
  Ehrensachen.
  Aus dem amerikanischen Englisch von Christa Krüger.
  Suhrkamp 2007
  ISBN 978-3-518-41870-3



Gleich in ihrem ersten Semester in Harvard lernen sich Sam, Archie und Henry kennen und wohnen gemeinsam. Obwohl alle drei aus sehr unterschiedlichen Umgebungen kommen, entsteht schnell eine Freundschaft, die fast ein Leben lang dauern wird.
Sam ist Adoptivkind einer reichen und angesehenen Familie und Archie ist der Sohn eines Generals, doch Henry kommt aus Polen. Da er Jude ist, hat er den zweiten Weltkrieg nur knapp überlebt. In den USA möchte er vor allem Erfolg haben und glaubt, dass er sich aufgrund seiner Herkunft erst beweisen muss. Außerdem verliebt er sich am College in Margot, die sehr reich ist und ihre Freiheit liebt. Während die Freunde älter werden, das College verlassen, neue Kontakte knüpfen und Karrieren beginnen, bleibt ihre Freundschaft bestehen. Sam wird Schriftsteller, Archie wickelt Geschäfte in Südamerika ab und Henry wird ein erfolgreicher Anwalt, der Margot treu bleibt, obwohl sie heiratet und er mit ihr nur eine Affäre hat. Nach und nach werden sie Teil einer Gesellschaftsschicht, in der Geld und Prestige die Hauptrolle spielen. Die Folgen ihrer Entscheidungen erkennen sie zum Teil erst nach Jahren…

Insgesamt hat mir der Roman gefallen, weil er gut geschrieben ist und sehr interessante Themen behandelt. Man bekommt einen umfassenden Einblick in eine Art amerikanische Elite und ihre Probleme, Ziele und Werte. Gleichzeitig geht es auch um Freundschaft und darum, was sie in bestimmten Kreisen noch bedeutet, um Ehrlichkeit und um Identität. Die Personen werden sehr glaubhaft beschrieben und man erfährt sehr viel über ihre Charaktere und ihre Leben, obwohl sie manchmal ein bisschen farblos wirken. Da ein langer Zeitraum von mehr als 50 Jahren beschrieben wird, konnte ich aber den Zeitsprüngen in der Handlung nicht immer ganz folgen. Über den Erzähler Sam erfährt man oft sehr wenig, weil er vieles wirklich nur beobachtet, aber andererseits tritt er als Person manchmal schon sehr deutlich hervor. Was mich teilweise gestört hat, ist der berichtartige Aufbau der Handlung und die Emotionslosigkeit, die dabei vermittelt wird. Oft werden z.B. Todesfälle in einem Absatz abgehandelt, obwohl sie dem Erzähler eigentlich sehr nahe gehen müssten. Auch die einander sehr ähnlichen Berichte über Gespräche zwischen den Hauptpersonen und vor allem die genauen Beschreibungen bestimmter Bankgeschäfte wirken oft etwas eintönig, obwohl sie den Lebensstandard der Hauptpersonen sehr gut wiedergeben. Die wenigen Situationen, die vollständig beschrieben werden, finde ich aber sehr schön, zum Beispiel die erste Szene, in der die drei Freunde sich kennen lernen. Dieses Buch würden viele vielleicht langweilig finden, aber abgesehen von einigen Schwachstellen finde ich „Ehrensachen“ interessant und empfehlenswert.

Teresa Maier


Lorenzos Wandlung

Fabio Volo                                                                    Zeit für mich und Zeit für dich                                    Aus dem Italienischen von Peter Klöss                          Diogenes 2013, 260 Seiten

Lorenzo hatte es im Leben nicht leicht: als Kind musste er unter finanziellen Einschränkungen und der Gefühlskälte seines Vaters leiden, während ihm später in der Arbeitswelt stets die eigene Unsicherheit in die Quere kam. Und dann, endlich an dem Punkt angekommen, von dem er dachte, er hätte es geschafft, es könne ihn nichts mehr erschüttern, erhält er gleich zwei Hiobsbotschaften: seine Freundin verlässt ihn und der Vater muss ins Krankenhaus.

Durch Rückblenden und ausgedehnte Einblicke in die Gedankengänge seines Protagonisten lässt Fabio Volo seine Leser mit-leiden, und -lachen, und es kommt mehr als einmal vor, dass man laut rufen möchte: „Ja, genauso ist es!“

 

Insgesamt wirkt „Zeit für mich und Zeit für dich“ melancholischer, vielleicht auch einen Tick langatmiger als zuvor die unbeschwerte Romanze „Noch ein Tag und eine Nacht“ – nichts desto trotz sind die Eindrücke und Schilderungen so intim und treffend, dass es einem stellenweise das Herz bricht.

Lea Kern

 

 

 

"Wir besiegeln unsere Bruderschaft der Poesie, wir eröffnen Restaurants der besten Speisen, wir erfinden das Kino neu, meine Freunde!"


  Hermann Schulz,
  Der silberne Jaguar.
  Carlsen 2007
  ISBN 978-3-55158176-1



Der 17-jährige Rufus zieht zu seiner Tante nach Hitzacker, einen kleinen Ort, da seine Eltern für zwei Jahre beruflich nach Südamerika auswandern. Durch einen unangenehmen Zwischenfall mit seinem gehbehinderten Direktor, soll er als 'Strafe' seine Tante in den Osterferien nach Belarus begleiten, um einer Frau einen Rollstuhl zu bringen. Gemeinsam mit einem Freund möbelt er den alten, gespendeten Rollstuhl so auf, dass er zu einem richtigen Luxus wird - eben einem silbernen Jaguar.
Doch schon in der ersten Nacht in Belarus wird der Rollstuhl gestohlen und Rufus wird immer weiter hineingezogen in ein Land mit Zwängen, Gefahren und Ängsten und lernt dennoch immer mehr Menschen kennen, die Hoffnung leben und es verstehen, sich wirklich für eine Sache einzusetzen und Freiheit in aller Unfreiheit zu genießen.

Ein wunderbar dünnes Buch, in einem Rutsch gelesen und doch steckt so viel dahinter, das man nicht gleich erkennt. Auch die Personen erscheinen einem wie Schatten und sind dennoch greifbar. In der unscheinbaren Handlung verbirgt sich eine tiefgründige Geschichte, die Hermann Schulz gekonnt neutral und dennoch berührend aufschreibt. Er schreibt so liebevoll über dieses Land und die Menschen, die dort ihr Leben leben, dass in einem das Bild von 'Gut und Schlecht' durcheinander gewürfelt wird. Und sowas ist immer gut!

Einziger Kritikpunkt meinerseits ist der Klappentext, der mich beinahe davon abgehalten hätte das Buch zu lesen. Er vermittelt das Gefühl, als würde es sich um einen Krimi handeln, aber davon ist die Geschichte meiner Meinung nach weit entfernt. Viel mehr ist sie das einfühlsame Portrait eines Landes oder zumindest eines jugendlich-revolutionären Lebensgefühls - dem "Gegner der Entfremdung".

Lena Samek

"Nicht die Abkehr von der Wirklichkeit ist christlich, sondern das Ausharren in ihr in Güte, Demut, Sanftmut, Geduld."

 
  Alois Prinz,
  Der erste Christ.
  Die Lebensgeschichte des Apostels Paulus.

  Beltz & Gelberg 2007
  ISBN 978-3-407-81020-5


Der Apostel Paulus ist Jesus erst über den Weg gelaufen, als dieser schon gekreuzigt war. Er hat ihn nicht persönlich gekannt, hat einen langen eigenständigen Glaubensweg hinter sich, der mit Jesus nicht viel anfangen kann, ihn sogar verwerflich findet und hart gegen Juden vorgeht, die sich mit Jesus verbunden fühlen. Dennoch kommt er an einen Punkt in seinem Leben, der alles verändert, ihn öffnet hin zu einem Menschen, der vermittelt und klarstellen möchte, dem nichts wichtiger ist als von einem Gott zu sprechen, der zu allen und ohne Vorbehalte spricht.
Wie und warum erzählt Alois Prinz in dieser Lebensgeschichte.

Schon das Vorwort hat mich begeistert, mir Nähe trotz aller Ferne oder zumindest Misstrauen gegenüber allem Christlichen vermittelt. Unbedingt wollte ich weiterlesen, mehr erfahren, Paulus auf seinen langen Reisen durch Kleinasien, Griechenland und Italien begleiten. Und dieses Gefühl zog sich durchs gesamte Buch, es wird nicht langweilig, viel mehr weckt es Interesse nach noch mehr. Schon in vorigen Lebensgeschichten, die ich von Alois Prinz gelesen habe, fiel mir seine Lust auf wirkliche Auseinandersetzung auf. Er verknüpft seine Texte mit anderen Philosophen, Meinungen, Thesen, traut es sich kritische Fragen aufzuwerfen (und unbeantwortet zu lassen), und gesteht jedem Menschen ein eigenständiges Leben, eigene Meinungen und Lebenswege zu. Man spürt in seinen Büchern mit wieviel Respekt er sich mit anderen Menschen auseinandersetzt und das tut allen gut.

Dennoch hätte es mir gefallen, wären mehr Bibelzitate direkt bei den jeweiligen Buchstellen gestanden. Es wäre mir wichtig gewesen noch mehr über Paulus Glauben zu erfahren. Und ich hätte nach diesem Buch wirklich gerne ein Buch in gleicher Qualität zur weiteren Entwicklung des Christentums. Wie konnte aus diesen kleinen, unsicheren Gemeinden so eine große Bewegung wie das Christentum hervorgehen?
Mit einem Buch weiteres Interesse zu wecken ist wohl eines der größten Komplimente, und ich bin der Meinung dieses Buch hat sich das verdient.

Das Cover könnte allerdings anders sein, mir ist es zu typisch, passt zu sehr in eine Schiene und wirkt daher sehr wenig differenziert. Ich mag weder die Farben, noch die Bildaufteilung, Technik oder Schrift. Ich würde mir was 'Ernsthafteres', was auch dem gehaltvollen Text gerecht wird, wünschen.

Lena Samek


Ein spontaner Dieb und ein sonderbarer Kunstraub…

  Dara Horn,
  Die kommende Welt.
  Aus dem amerikanischen Englisch von Christiane Buchner und Miriam Mandelkow.
  Berlin Verlag 2006
  ISBN 3-8270-0629-5


„Die kommende Welt“ handelt von Benjamin Ziskind, einem intelligenten jüdischen Single, der Fragen für eine Quizshow schreibt. Als seine Zwillingsschwester Sara, eine Künstlerin, ihn ins Jüdische Museum auf eine Singleparty schickt, fühlt er sich dort zunächst nicht wohl. Dann aber entdeckt er ein Chagall-Gemälde, das früher seiner Familie gehörte, und nimmt es kurz entschlossen mit. Die Kuratorin des Museums, Erica Frank, soll den Diebstahl klären und es dauert nicht lange, bis ihr Verdacht auf Ben fällt. Dieser hat mit seiner Schwester jedoch längst einen Plan geschmiedet: Sara wird das Bild fälschen und er wird die Kopie dem Museum zurückgeben. Dass Ben und Erica sich ineinander verliebt haben, macht den Fall allerdings umso komplizierter..

Dieser Roman ist sehr vielseitig, da er einen spektakulären Diebstahl, der wirklich passiert ist, mit einer sehr verwickelten Familiengeschichte und verschiedenen alten jiddischen Geschichten verbindet. Obwohl immer neue Gedanken und Vorstellungen darin auftauchen und obwohl der Stil mir gut gefallen hat, ist mir das Lesen nicht immer leicht gefallen. Die vielen einzelnen Lebensgeschichten, Zeitsprünge, Motive, Personen und Details überfordern den Leser oft ein bisschen, sodass man der Haupthandlung nicht mehr ganz folgen kann. Die Nebenhandlungen, die meist in der Vergangenheit stattfinden, haben mich manchmal eher verwirrt. Das finde ich sehr schade, da einige Kapitel wirklich lesenswert sind und da mich die eigentliche Handlung sofort angesprochen hat. Auch die vielschichtigen und einzigartigen Personen sind grundsätzlich sehr interessant, doch manchmal wird fast zu viel über sie erzählt. Durch diesen sehr komplexen Aufbau kann man die zentralen Aussagen des Romans nicht so gut erfassen, obwohl ich schon das Gefühl hatte, dass mehr hinter der Geschichte steckt als die Aufklärung eines Kunstraubs.

Teresa Maier


"Die Leute werden lieben Zofias Klops."

 
  Lily Brett,
  Chuzpe.
  Aus dem Amerikanischen von Melanie Walz,
  Suhrkamp Insel 2006
  ISBN 978-3-518-41827-7


Ruth Rothwax lebt in New York ein angenehmes Leben als Leiterin einer Korrespondenzfirma, bis ihr 87-jähriger Vater Edek aus Melbourne ebenfalls dorthin zieht. Da es ihr nicht gelingt, eine interessante Beschäftigung für ihn zu finden, lässt sie ihn in ihrer Firma aushelfen, wo er alles durcheinander bringt. Als die beiden Polinnen Zofia und Walentyna, zwei Urlaubsbekanntschaften von Edek, plötzlich auftauchen und Zofia mit Edek ein Verhältnis beginnt, ist Ruth nicht gerade begeistert. Sie findet die beiden Frauen zu aufdringlich und kommt weder mit Zofias direkter Art noch mit dem großen Altersunterschied zwischen Edek und seiner Freundin zurecht. Noch mehr schockiert sie allerdings das Projekt der drei: Edek, Zofia und Walentyna wollen ein Restaurant eröffnen, das Ruth finanzieren soll, und dort polnische Klopse verkaufen. Was als unüberlegte und leichtsinnige Geschäftsidee beginnt, die Ruth Zeit und Nerven kostet, bringt am Schluss ein überraschendes Ergebnis…

„Chuzpe“ ist ein humorvoller, liebenswürdiger Roman, in dem jede Menge Wärme und Herzensgüte steckt. Lily Brett beschreibt ihre Personen liebevoll und gleichzeitig ironisch mit all ihren Stärken und Schwächen, sodass man wirklich glaubt, sie zu kennen. Nicht nur Edeks eigenartige Ausdrucksweise („Die Leute werden lieben Zofias Klops“), sondern auch viele Szenen wirken ungeheuer komisch und gleichzeitig lebensnah. In vielen Aussagen über allgemeine Themen wie Freundschaften zwischen Frauen oder das Eröffnen eines Lokals steckt ein Funken Wahrheit. Am Ende des Romans ist man fast traurig, das Buch zuschlagen zu müssen. Dafür gibt es auf den letzten Seiten auch Rezepte für die erwähnten Klopse. Der Autorin ist mit „Chuzpe“ ein farbenfrohes Werk gelungen, das den amerikanischen Alltag parodiert und den Leser einfach optimistisch macht.

Teresa Maier


Treffende Gedanken zu Schön- und Hässlichkeit

 
  Amélie Nothomb,
  Attentat.
  Aus dem Französischen von Wolfgang Krege,
  Diogenes 2006
  ISBN-10: 3-257-06525-6


Der abgrundtief hässliche, aber sehr intelligente Epiphane Otos lernt bei einem Casting für einen Kunstfilm die schöne Schauspielerin Ethel kennen. Er verliebt sich unsterblich in sie, freundet sich mit ihr an und schafft es mit ihrer Hilfe, eine Karriere als Augenschreck in der Modebranche zu beginnen und so mit seinem Aussehen zu arbeiten. Dennoch bleibt er für sie immer nur der beste Freund, der sich um ihre Sorgen und Probleme kümmert, während sie eine Beziehung mit einem gut aussehenden, oberflächlichen Mann beginnt. Da er Ethel berät und tröstet, bleibt Epiphane in ihrer Nähe und gibt auch seine Hoffnung auf sie nicht auf. Während einer Reise nach Japan zu einem Schönheitswettbewerb überschlagen sich jedoch seine Gefühle und die Ereignisse…

Dieser Roman ist ein mitreißendes, interessantes und absolut eigenartiges Werk, das mich sehr zum Nachdenken angeregt hat. Es ist schnell gelesen, wirklich gut geschrieben, manchmal schockierend und oft auch humorvoll. Obwohl ich mich mit dem Ende nie ganz anfreunden konnte, finde ich die Handlung sehr abwechslungsreich. Die Charaktere sind – abgesehen von Epiphane – oft klischeehaft gezeichnet, aber durchaus glaubwürdig. Sympathisch ist die Erzählerfigur Epiphane nicht besonders, doch man kann seine Gefühle und seine Einstellung zu seinem Aussehen genau nachvollziehen. Die Parallelen zu Quasimodos Geschichte in Victor Hugos Roman „Der Glöckner von Notre-Dame“ passen sehr gut, genau wie die oft sehr treffenden Gedanken zum Thema Schönheit und Hässlichkeit mit seinen verschiedenen Aspekten. Insgesamt ist diese satirische, schonungslose Geschichte durchaus empfehlenswert, vor allem aber für Fans der Autorin Amélie Nothomb.

Teresa Maier

Drei Schwestern, die das Weite suchen

Katharine Weber,
Der Liebhaber unserer Mutter.
Aus dem Englischen von Brigitte Gerlinghoff.
C. H. Beck 2006
ISBN-978-3-406-54211-4



Die Familie Green scheint perfekt zu sein, sowohl die liebenswerten Eltern Janet und Lou als auch ihre Töchter Meg, Joanna und Amy. Als ein privates E-Mail jedoch enthüllt, dass Janet eine Affäre mit einem ihrer Studenten hatte, sind die drei Mädchen grenzenlos enttäuscht und wütend. Obwohl ihr Vater seiner Frau den Seitensprung verzeiht, ziehen Joanna und Amy zu ihrer älteren Schwester, die bereits studiert, und wollen ihre Eltern nie wieder sehen.
Dort besuchen die beiden eine neue Schule, was sich als ziemlich schwierig herausstellt, und freunden sich mit ihrem neuen Mitbewohner Teddy Bell an. Finanzielle Schwierigkeiten zwingen Meg und Joanna dazu, Jobs anzunehmen, doch nichts ist ihnen wichtiger als ihre Unabhängigkeit.
Doch ist ihre Wut wirklich gerechtfertigt? Wer bewahrt sie davor, dieselben Fehler zu machen wie ihre Eltern?

Der Roman wird von Joanna als autobiographische Geschichte erzählt, doch ihre Schwestern fügen oft ihre Anmerkungen in das Manuskript ein und kommentieren einzelne Stellen. Mir hat der Stil gut gefallen und die Beschreibungen der einzelnen Charaktere sind sehr gut gelungen. Vor allem die drei Schwestern lernt man als Leser aus einer sehr persönlichen oder familiären Perspektive kennen. Dadurch, dass man gegen Ende nichts mehr über Megs Gedanken erfährt, obwohl sie dort eine zentrale Rolle spielt, bekommt der Roman auch eine gewisse Spannung.

Die Leser-Anmerkungen von Meg und Amy passen zwar manchmal gut zum Text und enthalten auch einige interessante Ideen, aber manchmal kamen sie mir einfach unnötig vor. Was ebenfalls manchmal stört, sind die zahlreichen Anspielungen auf verschiedene Romane und Schriftsteller, von denen man als durchschnittlich gebildeter Leser kaum etwas versteht.
Die Handlung ist so voller Einfälle, Anekdoten und Anspielungen, dass manche Stellen etwas erzwungen wirken. Obwohl ich deswegen den Eindruck hatte, dass das Buch ein bisschen konstruiert ist, hat mir „Der Liebhaber unserer Mutter“ insgesamt gefallen.

Teresa Maier


Auf der Suche...

Yasmina Khadra,
Die Attentäterin.
Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagame,
Nagel & Kimche 2006
ISBN-10: 3-312-00380-6



Amin Jaafari ist Arzt arabischer Herkunft, der mit seiner Frau Sihem glücklich und zufrieden in Tel Aviv lebt. Als ein plötzliches Selbstmordattentat in einem Restaurant passiert, kümmert er sich um die Verletzten, ohne zu ahnen, dass seine Frau nicht nur eines der Opfer, sondern auch die Täterin war. Als er es erfährt, bricht für ihn eine Welt zusammen. Nach grausamen Verhören von der Polizei beschäftigt ihn nur mehr eine Frage: Warum hat Sihem ihr angenehmes und schönes Leben aufgegeben und sich religiösen Fanatikern angeschlossen? Amin reist zu seinen Verwandten und trifft auf Schweigen, Ablehnung und Hass. Erst nach vielen Schwierigkeiten gelingt es ihm, Antworten zu finden…

„Die Attentäterin“ ist ein wirklich packendes Buch, das einen als Leser nicht mehr loslässt. Allein die Geschichte ist so verstörend und unfassbar, dass ich nicht mehrere Kapitel hintereinander lesen konnte und trotzdem die ganze Zeit darüber nachdenken musste. Darüber hinaus wird die Handlung sehr einfühlsam und mitreißend erzählt. Die Gefühle und Gedanken der Hauptfigur Amin Jaafari kann man direkt miterleben und immer sehr gut nachvollziehen.
Mir gefällt auch, dass man im Laufe des Buches sehr viel über Sihem erfährt und sie so auch kennen lernt, obwohl sie nie selbst auftritt. Faszinierend sind vor allem die Gespräche, die Amin mit den Befürwortern des Selbstmordattentats führt, da man dadurch einen Einblick in die Hintergründe solcher Taten bekommen kann, obwohl es so schwer ist, ihre Argumente zu verstehen.
 
In diesem Roman erfährt man jedenfalls mehr über die Konflikte in Israel und über die Motive für einen Terroranschlag als in den Nachrichten oder in den Geschichtsbüchern. Deswegen kann ich es allen Menschen nur weiterempfehlen.

Teresa Maier


Wir sind so jung, so falsch, so umgetrieben

 
  Ric Graf,
  iCool. Wir sind so jung, so falsch, so umgetrieben
  Rowohlt Tb 2006
  ISBN: 3499621428



„Der Rhythmus ist schneller und die Melodien unübersichtlicher geworden. Wie unser Leben. Schneller und unübersichtlicher.“

In „iCool“ erzählt
der 21-jährige Autor Ric Graf von seiner Generation. Von Jugendlichen, ihren Zielen, Wünschen und Ängsten und auch von seinem eigenen Leben.
Liebe, Freundschaft, Partys, Konsumrausch, Geld, Zukunftsträume, Sehnsucht und Idealismus bestimmen heute den Alltag, der bei den meisten immer schneller und komplizierter abläuft als bei der Generation davor. Viele sind lange auf der Suche nach einem bestimmten Ziel und haben gleichzeitig Angst, eines zu finden und zu verwirklichen. Andere betäuben sich durch Konsum in Form von Einkäufen, Events, Alkohol und Drogen. „Verdammte Konsumgesellschaft, die einen so in den Bann ziehen kann.“

Ric Graf bringt dazu Beispiele aus seinem Freundeskreis und fasst verschiedenste Gedanken in Kapiteln zusammen, die nach Songs von berühmten Bands benannt sind. Dabei verurteilt er niemanden, egal wie sehr ein Mensch gescheitert ist, sondern geht kritisch und verständnisvoll an die Probleme unserer Generation heran. Ohne sich selbst davon auszunehmen, kritisiert er vieles am Verhalten junger Menschen. Dennoch fühlt man sich als Leser nicht belehrt, eher verstanden.

Witzige oder traurige, aber immer aus dem Leben gegriffene Geschichten machen das Buch abwechslungsreich und interessant. Es tauchen viele Fragen über Leben, Freiheit, Ziele und Beziehungen auf, die wirklich zum Nachdenken anregen. Viele Passagen klingen sehr entmutigend, zum Beispiel die Stellen über Einsamkeit und Perspektivlosigkeit, doch insgesamt ist „iCool“ ein eher optimistisches Buch. Ich kann es nur weiterempfehlen, weil man sich und andere darin wieder findet. Obwohl nicht alle Jugendlichen das gleiche Leben führen, sind für mich viele Überlegungen und Gedanken aus dem Buch so gut wie allgemeingültig und zeigen unsere Altersgruppe unverfälscht und so, wie sie wirklich ist.

Teresa Maier


Max Schwarzwald ist Besitzer eines Restaurants, und...Ashcroft-Mann

 
  Jakob Arjoui,
  Chez Max.
  Diogenes 2006
  ISBN 3-257-06536-1



Max Schwarzwald lebt im Jahr 2064 in Paris und ist Besitzer des deutschen Spezialitätenrestaurants „Chez Max“. Außerdem ist er heimlich als Ashcroft-Mann tätig, was bedeutet, dass er Verbrechen vorhersehen und verhindern muss. Die Erde ist durch einen Zaun in zwei Teile geteilt: der Norden lebt in einer reichen, friedlichen Demokratie und im Süden gibt es vor allem Hunger, Armut und Terrorismus. Schwarzwalds Partner Chen Wu ist ein intelligenter, schlagfertiger und dreister Chinese, der Max aufgrund seiner Erfolge und seiner hohen Beliebtheit schon lange auf die Nerven geht. Als sich die Frage stellt, ob Chen so genannte „illegale“ Bewohner eines Hauses laufen gelassen hat, versucht Max alles, um seinen Verdacht zu bestätigen und seinen Partner endlich loszuwerden.

Mir hat „Chez Max“ sehr gut gefallen, weil die Idee dieser neuen Weltordnung unheimlich interessant und sehr kreativ ist. Die Handlung ist abwechslungsreich und schafft ein relativ plausibles Bild der Zukunft. Gleichzeitig regt das Buch zum Nachdenken über die momentane politische Situation und über unsere Gesellschaft an. Die Charaktere, vor allem Max Schwarzwald und Chen Wu, sind vielseitig, lebhaft und glaubwürdig dargestellt, denn man erkennt den großen Kontrast zwischen ihrem Denken und ihrem Handeln. Die Geschichte nimmt ein sehr überraschendes Ende, das meiner Meinung nach die Aussage des Buches noch unterstreicht.
„Chez Max“ ist außerdem sehr gut und teilweise witzig geschrieben und behält eine gewisse Spannung bis zum Ende. 

Teresa Maier


Ein Manga zum Nationalsozialismus

  
   Osama Tezuka,
   Adolf (Band 2) Das geheime Dokument.
   Carlsen Manga 2006
   ISBN 3551785724



Sohei Toges Bruder
wurde von Nationalsozialisten umgebracht, weil er versuchte, geheime Dokumente, die belegen, dass Adolf Hitler zu einem Viertel Jude war, an die Öffentlichkeit zu bringen. Nun versucht Sohei Toge seines Bruders Werk zu vollenden und dessen Tod zu rächen.

Dabei riskiert er mehrmals sein Leben und wird sowohl von der deutschen als auch von der japanischen Geheimpolizei verfolgt. Außerdem ist er nicht der einzige, den diese Dokumente interessieren, auch Franzosen, Engländer und Amerikaner sind hinter ihnen her. Wie es das Schicksal so will, verliebt sich die reiche Diplomaten-Witw Yukie Kaufmann in Sohei toge und will ihm unbedingt helfen...

Ein interessantes Zeitgeschichte-Comic. Die Geschichte ist gut und spannend, aber die Bilder gefallen mir nicht, denn sie sind ziemlich einfach gezeichnet und gestaltet. Damit stehen sie vielen Mangas nach. Aber die Story macht den Band trotzdem sehr lesenswert!

Alina Schnieder


Hörst du mich, spürst du mich?!


Daniela Rossi,
Die Welt der namenlosen Dinge,
aus dem Italienischen von Friederike Hausmann.
Antje Kunstmann 2006
ISBN 3-88897-407-0


Dies ist die wahre Geschichte darüber einen Weg zu finden und ihn zu gehen. Geschrieben von einer Mutter für ihren Sohn, wie einen offenen Brief. Dadurch kommen wir als Leser sehr nahe, teilweise verwischen die Grenzen, das macht es schwer mit den eigenen Gefühlen dieser Lebensgeschichte gegenüber zu treten.

Andrea ist beinahe gehörlos, erst ein Jahr nach seiner Geburt stellen Eltern und dann immer und immer mehr Ärzte und Therapeuten das fest. Andreas Mutter versucht nun ihren Weg zu finden damit umzugehen, und auch den Weg, den sie am besten für Andrea hält. Der Weg führt sie von einem Arzt zum anderen, von schlimmen Prognosen zu Fortschritten, von bereichernden Begegnungen bis zu Streits mit Andreas Vater, von inadäquaten Therapien bis zur Entscheidung Gebärdensprache oder nicht.

Das Buch ist sehr persönlich, es ist Daniela Rossis persönlicher Weg und natürlich ist dieser streitbar, wie es auch schon im Klappentext heißt. Bis zur Hälfte nahm mich das Buch gefangen, ich konnte gar nicht aufhören, war überwältigt von dem Gespür das Daniela Rossi ihrem Sohn und seiner Welt gegenüber aufbringt. Doch nach und nach öffnete sich mein Blick und ich hatte das Gefühl, ihre Aussagen wären zu endgültig und manchmal auch zu verletzend, gerade auch was das Thema Gebärdensprache anbelangt. Was mich weiters etwas gestört hat, war, dass ich nie ganz verstanden habe, worin Andreas Gehörlosigkeit jetzt wirklich besteht. Gewöhnungsbedürftig ist wohl auch Daniela Rossis Art -  sie ist sehr "Mutter" in diesem Buch und das wird vielen Lesern sicher nicht leicht fallen zu verstehen.
Dennoch finde ich es ein wichtiges Buch, es wirft Themen auf die unbedingter Diskussion bedürfen!

Lena Samek


Eine ungewöhnliche Geschichte über eine ungewöhnliche Hilfsbereitschaft

Markus Zusak,
Der Joker.
Aus dem australischen Englisch von Alexandra Ernst.
Cbj 2006
ISBN 3 570 13107 6



Der 19-jährige Taxifahrer Ed Kennedy lebt mit seinem Hund Türsteher in einer schäbigen Hütte in einer Kleinstadt und spielt meistens mit seinen Freunden Marve, Ritchie und Audrey, dem Mädchen, in das er unglücklich verliebt ist, Karten. Eines Tages landet er per Zufall mitten in einem Banküberfall und hält den Bankräuber auf, als dieser versucht, zu fliehen. Bald nach seinem Erlebnis in der Bank liegt eine rätselhafte Spielkarte in seinem Briefkasten: Es ist ein Karo-Ass mit drei Adressen drauf.
Nach kurzem Zögern besucht er die drei Adressen und findet überall Menschen, denen er irgendwie helfen muss, zum Beispiel eine Frau, die jede Nacht von ihrem Mann vergewaltigt wird, oder eine alte Dame, die ihren verstorbenen Ehemann vermisst. Ed erledigt diese drei Aufgaben und bekommt von zwei zwielichtigen Einbrechern die nächste Karte, das Kreuz-Ass. Auch auf dieser Karte stehen drei Hinweise, denen er nachgehen muss, obwohl ihm nicht immer klar ist, wie das gehen soll. Nach diesen Aufgaben erwarten ihn schon die nächsten drei auf dem Pik-Ass und danach erhält er die vierte und letzte Karte, das Herz-Ass. Bisher sind seine Adressaten unbekannte Leute, zum Beispiel ein Priester, eine allein erziehende Mutter oder ein alter Kinobesitzer. Auf der letzten Karte geht es jedoch um seine drei Freunde. Wie soll er ihnen helfen und vor allem wobei? Und wer ist der Mensch, der hinter den Karten und den Hinweisen steckt?

Mir hat „Joker“ insgesamt sehr gut gefallen, weil der Aufbau der Geschichte ungewöhnlich ist und weil ich immer wissen wollte, was Eds nächste Aufgabe sein wird. Das Buch ist leicht und angenehm zu lesen, weil es immer wieder Überraschungen gibt und weil die Charaktere interessante Entwicklungen durchmachen, nicht zuletzt auch durch Eds Hilfsaktionen.
Man fragt sich automatisch, woher Ed immer so genau weiß, was in einer Situation das „richtige“ Vorgehen ist, beziehungsweise ob er wirklich immer richtig handelt. Manche Situationen wirken daher etwas unrealistisch oder brutal, zum Beispiel Eds Prügelei mit zwei Brüdern, die diese vom Streiten abhalten soll. Trotzdem finde ich einige Szenen auch sehr berührend, zum Beispiel das Kapitel, in dem Ed eine Familie mit Weihnachtsbeleuchtung versorgt, und einige Hauptpersonen werden im Lauf der Geschichte richtig sympathisch.
Der Stil des Buches hat mir von Anfang an eher weniger gefallen, weil er so betont modern sein will, aber ziemlich flach ist. Deswegen finde ich auch den Einstieg nicht so gelungen. Das eher rätselhafte Ende ist zwar sehr umstritten, aber meiner Meinung nach passt es ganz gut zur Handlung.
Insgesamt kann ich diese ungewöhnliche Geschichte über Hilfsbereitschaft und Freundschaft empfehlen. Auch wenn einige Kleinigkeiten mich beim Lesen gestört haben, ist es ein sehr interessantes und durchdachtes Buch voller lebendiger Charaktere und schöner Gedanken.

Teresa Maier



Nach der Lektüre kann man nicht mehr sagen, dass geht mich nichts an

Riverbend
Bagdad Burning – Ein Tagebuch
Aus dem Englischen von Eva Bonné
Residenz Verlag
ISBN 3-7017-0963-7



Bagdad Burning ist ein abgedrucktes Web-Blog im Zeitraum August 2003 bis September 2004. Die Einträge ab September 2004 könnt ihr auch - auf Englisch - im Internet nachlesen: http://riverbendblog.blogspot.com/

Ich bin weiblich und 24 Jahre alt. Ich habe den Krieg überlebt. Mehr braucht ihr nicht zu wissen. Außerdem ist das sowieso das Einzige, was in diesen Tagen noch zählt.“

So beginnt Riverbend (Pseudonym), eine junge Irakerin, ihren Blog. Und viel mehr über ihre Person erfährt man auch nicht. Dafür erzählt sie vom Leben im besetzten Irak: von den Ängsten; den Angriffen; den Entführungen; den ständigen Stromausfällen; dem „Marionettenrat“ (Regierungsrat). Von ihrer Familie; von Feiertagen (egal ob christliche oder muslimische);von den jungen amerikanischen Soldaten. Sogar Kochrezepte stellt sie  online.
Hauptsächlich kommentiert sie aber die politische Situation und die Kriegs/Nach-Kriegs – Ereignisse. Sie bezieht sich oft auf amerikanische/englische Zeitungen und andere Blogs, beantwortet aber auch Mails die man ihr schickt.

„Bagdad Burning“ ist ein wirklich unglaublich gutes Buch! Man lernt sehr viel über den Irak im Allgemeinen und über den Irak-Krieg und seine Hintergründe im Speziellen, dafür aber aus der Sicht einer Irakerin und nicht von Amerikanern. Vor allem erfährt man aber auch wie sich der Irak, die Situation im Irak durch die Besatzung verändert hat. (Z.B. das es für Frauen jetzt unmöglich ist unverschleiert und alleine das Haus zu verlassen, weil es viel zu gefährlich ist.)
Besonders gut fand ich auch, dass Riverbend nicht alle Amerikaner verurteilt und dass sie (zumindest bis die Folterfotos aus Abu Ghraib veröffentlicht werden) sogar Mitleid mit den meist sehr jungen und überforderten amerikanischen Soldaten hat.

Allerdings ist es ein sehr schwieriges Buch. Durch Riverbend und vor allem durch die Beschreibung von Riverbends Gefühlen kann man nicht mehr sagen, dass geht mich nichts an. Man kann ihre Wut, ihren Kummer und ihre Verzweiflung richtig gehend spüren - und verstehen. Ich musste zeitweise das Buch weglegen und eine Pause machen, weil ich einfach mit den vielen Informationen und Eindrücken überfordert war.

„Bagdad Burning“ ist aber nicht nur wegen seinem Inhalt empfehlenswert, sondern auch sehr gut geschrieben. Und ich kann nur sagen, auch wenn es nicht immer einfach ist: Lest es!

Das Cover ist schlecht! Es zeigt eine Ganzkörper verschleierte Frau und Riverbend erwähnt oft, dass sie nicht einmal den traditionellen (Kopf-)Schleier trägt.

Lilly Manon Maier


'Wir glauben, dass der Mensch in jeder Situation, unter jedem System, in jedem Staat die Aufgabe hat, Mensch zu sein und seinen Mitmenschen zur Verwirklichung seines Menschseins zu helfen.' (Ulrike M. Meinhof, 1958)

 
  Alois Prinz,
  Lieber wütend als traurig
  Die Lebensgeschichte der Ulrike Meinhof
.
  Suhrkamp Taschenbuch 2005



Die Biographie
ist auch bei Beltz & Gelberg erschienen und hat im Juni 2004 den Jugendbuchpreis der Jury der Jungen Leser erhalten. Weiters ist das gleichnamige Hörbuch bei Hörcompany 2005 erhältlich (siehe auch Rezensionen - Hörbuch).

Ulrike Marie Meinhof (1934-1976) ist schwer zu verstehen. Sie kämpft für das Menschsein an sich, für das Leben, für Gerechtigkeit aus zutiefst christlichen Werten und Überzeugungen. doch irgendwann in ihrem Leben verwendet sie Mittel, die der Zweck nicht heiligt, die ihren Werten und Überzeugungen sogar widersprechen. Wie kommt es dazu?

Alois Prinz kann uns keine Antworten geben, er kann nur schreiben, was er sieht, hört und spürt. Und er sieht, hört und spürt viel. Und er schreibt neutral und doch einfühlsam, gibt Denkanstöße, aber nie zu viel, ist da für den Leser und gibt doch die nötige Freiheit, die bei dieser Lebensgeschichte unbedingt notwendig ist.

Das Buch liest sich flüssig und verständlich, ist interessant und genau recherchiert.
Mehr Biographien dieser Art und man kann nicht mehr aufhören aus dem Leben andrer zu lernen!

Das Cover finde ich sehr gelungen und ansprechend. Die Farben passen gut zur Stimmung des Buches.

Lena Samek


Eine Geschichte über das Suchen, das Finden, das Warten und das Spüren.

 
  Hermann Schulz,
  Leg nieder dein Herz.
  Carlsen 2005




'Leg nieder dein Herz' handelt vom Leben der Missionarin Friederike Ganse, über das der Journalist Nick Geldermann ein Buch schreiben soll. Auf den ersten Blick sieht Friederikes Leben undscheinbar und langweilig aus, doch unter der Oberfläche verbirgt sich, wie Nick bald erfährt, unter anderem eine plötzliche Ehe mit einem Missonar in Afrika, eine merkwürdige Beziehung zu einem reichen Engländer namens Joseph Pollock und ein tragischer Tod durch einen Blitz...

Im Zentrum der Geschichte steht der rätselhafte und interessante Charakter von Friederike, die sich ihr Leben lang auf der Suche befand und dafür viele Menschen verletzen und enttäuschen musste. Ihr Lebensziel, den wahren Glauben an Gott zu finden, versuchte sie durch Frömmigkeit und großen Einsatz für andere Menschen zu erreichen, was ihr jedoch nie gelang. Dennoch blieb sie immer sie selbst und hatte dadurch eine umwerfende Ausstrahlung, die sie trotz ihres Aussehens sehr beliebt und begehrt machte.

'Leg nieder dein Herz' ist einfach und einfühlsam geschrieben und erzählt dabei eine ungewöhnliche und zugleich farbenfrohe Geschichte. Am besten haben mir die unterschiedlichen und authentisch beschriebenen Charaktere gefallen und vor allem die besonderen Beziehungen, die sie zueinander aufbauen. Ein Beispiel ist die tiefe Freundschaft, die Nick und Joseph schon nach kurzer Zeit verbindet. Auch die Handlung ist gut aufgebaut und nimmt immer wieder überraschende Wendungen. Besonders rätselhaft ist die Geschichte dadurch, dass man fast nichts über Friederikes Gefühle und Gedanken erfährt, sondern die Gründe für ihr plötzliches Handeln nur erraten kann.

Insgesamt kann ich das Buch allen empfehlen, die wirklich zum Nachdenken angeregt werden wollen und zugleich eine sehr poetische Geschichte lesen möchten. 

Teresa Maier



Buchdiskussionen Online

   
JURY DER JUNGEN LESER
auf  FACEBOOK
http://www.facebook.com/juryderjungenleser
mehr
Aktuelles
 

NOMINIERUNGEN /
PREISE 2016
der Jury der Jungen Leser / Jury der Jungen Kiritker
             
Buchdiskussionen 2017
im LiteraturRaum Wien


mehr
Diverses

Zu Gast im LiteraturRaum

12.April 2017: Julya Rabinowich - Lesung & Gespräch
29. Mai 2017: Julie Völk           - Werkstattgespräch
mehr